Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Meine Kongressrede
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 391 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Meine Kongreßrede 391 und Häßlichen, das der Fluch allen Parteiwesens ist, das den Parlamentarismus aller Länder heillos zerstört und das öffentliche Leben unserer Zeit so sehr vergiftet und verpestet hat. Alle zionistische Arbeit wurde von Anbeginn auf Massenwerbung, auf Augenblickserfolge, auf Propaganda eingestellt; also auf das Gegenteil sachlicher, aufbauender Arbeit. Lesen Sie Herzls Tagebücher, aber lesen Sie sie kritisch, distanziert, und das ganze Getriebe unserer Partei wird Ihnen klar vor Augen treten, und Sie werden sehen, wie seine Methoden bis heute zentnerschwer auf unserer Arbeit lasten, doch ohne den unendlichen Segen seiner strahlenden, lebenspendenden Persönlichkeit. Er wollte das Volk Israel mit Politik und Propaganda vom Staub erheben; er wollte welthistorische Realitäten mit Fiktionen schaffen. Er wollte über die papierene Brücke eine Charters Israel über den Jordan führen und mit Audienzen und Kongressen das Land unserer Väter in Besitz nehmen. So entstand das Gewebe von Organisationen, Formen, Schlagworten, Fiktionen, die heute parteimäßig den Inhalt des Zionismus ausmachen und von denen die auf ihn folgenden Führer bis auf den heutigen Tag zehrten. Diese Fiktionen konnten zur Not den rein mechanischen Parteibetrieb am Leben erhalten; doch schöpferisch konnten sie nicht sein und Geschichte machen konnten sie nicht; und als die entscheidende Stunde der Tat schlug, zeigten sie sich in ihrer ganzen inneren Hohlheit und Sterilität. Mit dem strahlenden Siegestage von San Remo begann das tragische Versagen des Kongreßzionismus. Es war unser großes Verhängnis, daß wir mit Fiktionen arbeiteten: Realitäten können nur aus Realitäten hervorgehen. Die erste Fiktion war die von der zionistischen ,,Lösung der Judenfrage". Jeder klar Denkende weiß heute, daß die Judenfrage, insofern sie die wirtschaftliche und politisch-bürgerliche Existenz der Weltjudenheit umfaßt, durch den Zionismus nie und nimmer gelöst werden kann; daß Palästina, auch im glücklichsten Falle, nur einen geringen Bruchteil der warderbedürftigen Juden aufnehmen wird, daß somit die wirtschaftlich-politische Struktur der Weltjudenheit durch den Aufbau des jüdischen Palästinas kaum nennenswert geändert werden mag. Die einst verlachte Lehre Achad Haams vom „Merkas ha-ruach" (Palästina als geistiges Zentrum für die Gesamtjudenheit) ist heute eine Binsenwahrheit geworden; das Gerede von der Golusverneinung nimmt hoffentlich keiner mehr ernst. Wir müssen uns auch fürderhin auf eine sehr lange Diasporaexistenz, mit Palästina als Kraftzentrum, einrichten, und — was sehr wesentlich ist — wir müssen einen modus vivendi mit unseren Nachbarvölkern zu finden suchen. Doch wir mußten ja diese Fiktion aufrechterhalten; sie wurde sogar eine tragende Säule unserer Propaganda. Massen wollen ihren Rausch haben, darum gehen sie zum Agitationsredner. So wurde diese krampfhaft festgehaltene Selbsttäuschung gleichsam zur „Lebenslüge" unserer Organisation. So weckten wir Hoffnungen, die unerfüllbar waren, und versprachen, was wir nicht halten können. Die leibliche Judennot von Millionen konnten wir nicht lindern, doch benutzten wir sie — zu Unrecht — als Argument für