Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Meine Kongressrede
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 390 (sequence 2)
- Language
- German
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390 Markus Ehrenpreis: Ein neues Juden geschlecht war zur Selbstbesinnung erwacht und zog aus, sich selbst wiederzufinden. Eine Periode jüdischer Aktivität setzte wieder ein, nach zweitausendjähriger jüdischer Passivität. Dieses neue Judengeschlecht — vor Basel und vor Herzl — wollte, mehr oder weniger bewußt, wieder ein Subjekt der Geschichte werden, das sein Schicksal tut, anstatt ein Objekt der Geschichte zu bleiben, das sein Schicksal erlitten hat. Dies war der eine Inhalt des Zionismus, lange bevor der im Grunde irreführende Terminus geprägt wurde. Und der andere war dieser: Wiederherstellung einer jüdischen Einheitsfront, Zusammenschluß des Gesamt Judentums für die gemeinsamen Aufgaben. Der Ruf „Kol jisroel chawerim", vom-Philanthropischen ins Historisch-Nationale gewandelt, ertönte von neuem; diesmal aus tieferen Regionen des Gesamtbewußtseins kommend und deshalb umfassender, jugendlicher, tapferer, männlicher. Doch das Allerwesentlichste ist, daß in diesen Sammelruf ein großer, historischer Sinn hinein kam: Die Judeneinheit war von nun an nicht nur eine passive Schicksalseinheit, eine Einheit grmeinsamer Leiden, sondern eine aktive, schöpferische Geschichtseinheit, zusammengehalten durch die Urmacht einer schicksalhaften Weltsendung. (Ich bitte um Nachsicht für dieses zu Unrecht diskreditierte Wort, mit dem wir uns von neuem auseinandersetzen müssen.) Der letzte und tiefste Sinn der neuentstandenen Bewegung konnte nur einer sein: Wiederherstellung des Judenvolkes, in seiner geschichtlichen Prägung mit seinen wesenhaften Eigenwerten: nicht territoriale Verschiebungen mit rein wirtschaftlichen Hintergründen. Palästina war nicht Ziel, sondern Weg, es war die Grundform dieser national-historischen Restauration, ihr Mittelpunkt. Herzl wurde gottgesandtes Werkzeug dieses neuen Lebenswillens, ohne daß er selbst dessen tiefsten Sinn ahnte oder ahnen konnte. In einem großen Augenblick sprach er jenes fast hellseherische Wort vom Verhältnis zwischen „Judentum" und „Judenland" aus; doch praktisch stellte er dieses Wort auf den Kopf: das war die erste Sünde des Kongreßzionismus, die „fortzeugend Böses gebären mußte". Alles, was er tat und alles, was neben ihm und nach ihm innerhalb des Kongreßzionismus getan und unterlassen wurde, war verbissenes, hypnotisches, mechanisches Losgehen auf das Judenland, während man das Judentum völlig seinem Schicksal überließ. Denen, die es nicht schon früher wußten, zeigen Herzls Tagebücher (die lieber unveröffentlicht geblieben wären!), wie unhistorisch, wie zweckhaft und mechanisch und äußerlich sein Zionismus war; und diesen unhistorischen, mechanischen Charakter bewahrte die Organisation im wesentlichen unter allen Wandlungen bis auf den heutigen Tag. Hier ist — für mein Empfinden — die Quelle der begangenen Fehler und die entscheidende Ursache unseres vorläufigen Mißerfolges. Wir haben alle gesehen, wie der Zionismus unaufhaltsam von einer großen, umspannenden Idee zu einer engen und engherzigen politischen Partei zusammenschrumpfte, mit all dem Beschränkten, Kleinlichen, Abstoßenden <»