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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 389

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Meine Kongressrede
Date
1923-01-01
Page
389 (sequence 1)
Language
German
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389 MARKUS EHRENPREIS / MEINE KONGRESSREDE Tch komme nicht als Kongreßdelegierter nach Karlsbad, aus Gründen, 1 die sich aus dem Folgenden von selbst ergeben werden. Es drängt mich jedoch, zum Kongreß zu reden. Es erscheint mir in dieser Stunde sehr ernster Entscheidungen als gebieterische Pflicht, zu sagen, was mich (und viele Ähnlichdenkende) in all diesen Schicksalsjahren so schwer bedrückte. Das peinigende „Nein", das in mir und in vielen während dieser langen Zeit selbstauferlegten Schweigens wühlte, soll jetzt laut ausgesagt werden. Ein Abwesender, der doch mit ganzer Seele dabei ist, bittet um Gehör für seine sehr persönliche, sehr ketzerische, sehr undisziplinierte „Kongreßrede". * * * Hoher Kongreß! Wenn es parlamentarisch zulässig wäre, möchte ich ein Mißtrauensvotum gegen den Kongreß beantragen. Die ganze Kongreßorganisation hat ihren Sinn verloren, und es ist Zeit, daß sie verschwindet, um dem Neuen, das die Gegenwart fordert, Platz zu machen. Dieses summarische Verfahren würde es uns ersparen, den Führern das Mißtrauen auszudrücken, das sie zweifelsohne verdienen. Ich habe gewiß hohe Achtung vor ihrem reinen Willen und ihrer bedeutenden Leistung, und ich hege für sie persönlich warme Sympathie, aber ich glaube bestimmt, daß sie schwere Fehler begangen haben, und der schwerste von allen war—ein Geburtsfehler: daß sie zur Führerschaft verurteilt waren, ohne geborene Führer zu sein; daß sie deshalb in einer wegverlorenen Zeit nirgends wegweisend vorangehen konnten, nicht nach außen und nicht nach innen; und daß sie, trotz großer Geistesgaben, doch arm an schöpferischen Ideen und ganz ohne Initiative, mit organischen Krankheitskeimen vorangegangener Entwicklungen erblich belastet, nichts anderes vermochten als die alten, ausgetretenen Wege zu gehen — in einer neuen, völlig veränderten Welt. Doch — im Gesamtbilde unserer Lage ist dies nur1 eine Nebenerscheinung. Im Grunde sind es nicht sie, die Führer von heute, die uns in diese Sackgasse gebracht, aus der wir jetzt heraus müssen. Das Elend, das auf unserer Arbeit lastet und unsere Hände lähmt, liegt viel tiefer und ist viel älter; es hat gewissermaßen schon in der Geburtsstunde des Kongreßzionismus begonnen. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich hier von scheinbar unaktuellen Dingen reden muß. Wir müssen wieder lernen, die großen Zusammenhänge zu überblicken. Wir müssen ehrlich und mutig der Schicksalsfrage ins Auge sehen. Was wollten wir und was haben wir erreicht? Was war unser Ausgangspunkt und wo stehen wir heute? Was uns nottut, ist nicht anzuklagen, sondern uns selbst zu prüfen; nicht Kritik zu üben, sondern unsere Sünden zu bekennen. Erinnern wir uns an den Anfang. 6

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