Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Vertretung
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Vertretung 387 lernen, glauben lernen, sich vertreten lassen, Einzelne werden es, indem sie Glaubwürdige, Vertrauensträger, Vertreter werden. Diese machen, indem sie ihn ausführen, den jeweiligen Auftrag offenbar, den die Masse, ohne ihn zu kennen, ihnen erteilte, indem sie ihnen Vollmacht erteilte. Es erhellt schon daraus, daß Vertretung nicht notwendig „demokratisch" zu verstehen ist. Vertreter können gewählt werden, sie müssen es nicht. Vertretung kann erbgesetzt, überlieferungsgesetzt sein; sie kann „selbstgesetzt" sein; sie kann ernennungsgesetzt sein; sie kann wahlgesetzt sein; immer ist sie Vertretung nicht durch den Akt ihrer Einsetzung, sondern dadurch, daß sie und nur insofern sie vom „Volk", durch Wort oder ohne Wort, durch Handlung oder ohne Handlung, in seinem Wesens- und Schicksalsbewußtsein als seine Vertretung erkannt wird. Die Diaspora hatte Lehrer, sie hatte Fürsprecher, aber das eigentliche Gefühl des Vertretenseins gewann sie nur in der Trunkenheit der messia- * nischen Bewegungen. Das Zeitalter der Emanzipation kannte nur noch die Scheinvertretung; und es ist von den Erscheinungen des Verfalls eine der traurigsten, dieser Jubel der Menge über jeden mächtigen Financier, der von seiner Zeit, seinem Einfluß und seinem Geld ein Prozent für „die jüdische Allgemeinheit" spendet, ohne sich selber einzusetzen, in einem unverbindlichen und ruhmreichen Nebenbei. Die Anfänge der zionistischen Bewegung bezeichnen für einen wachsenden Teil des Volkes eine Aufrüttelung, einen Antrieb zur Selbstbesinnung. Man erkennt, daß man das Almosen für das Opfer nahm, man will den Schein nicht länger dulden, man fühlt sich befreit, man fühlt sich endlich rechtmäßig vertreten. In dem Volk hatte sich, es dunkel beunruhigend und erregend, der Wunsch bewegt, daß etwas getan werde, was zu tun die bestehende Scheinvertretung weder gewillt noch befähigt war. Da war es nun geschehen, daß Menschen eben für das Vollbringen dieser Tat, dieses Werks zur aktiven Vertretung des Volkes „sich aufwarfen". Sie wurden nun wahrhaft zu ihr, indem sie vom Volk, formulierter- und unformulierterweise, die Vollmacht erhielten. Das Gespenst der pflichtlosen, verantwortungslosen Scheinvertretung war gewichen. Die neue Vertretung wollte eben dies, was jene, wenn es überhaupt in ihren Vorstellungskreis getreten wäre, verlacht hätte: vom Volk in Pflicht genommen werden, ihm Rechenschaft ablegen, ihm verantwortlich sein. Und sie erlangte es. Hier ist auf beiden Seiten Größeres als demokratische Formen und Formeln; hier ist Liebe ynd Glauben, und was hier Verantwortung heißt, hat eher den Charakter der religiös-sittlichen als den der geschäftlichen und verwaltungshaften, wiewohl es die Obliegenheiten dieser mit umfaßt. Hier ist einer der gesegneten Orte der Geschichte, wo die Wahrheit des Geistes die Wirklichkeit durchdringt: lebende Idee. Man vergegenwärtige sich, was dieses sichere Gefühl des rechtmäßigen Vertretenseins an regenerativem Element enthält, aber auch, welche Kraft die Zionsbewegung aus ihm zieht, und man wird die Tragweite der Entscheidung ermessen, die wir zu treffen haben. Es geht um den (aus Ur- 25*