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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 380

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Von der zweiten Generation in Palästina
Date
1923-01-01
Page
380 (sequence 3)
Language
German
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38o Bemerkungen: Von der zweiten Generation in Palästina Wissen, das wir in Europas Schulen empfingen, mit dem, das in unsrem eignen großen Buch und in der Volksüberlieferung enthalten ist, durchdringt sich mit ihm, scheidet sich von ihm; und da es noch kaum einem palästinensischen Lehrer gelungen ist, eine der jüdischen Eigenart entsprechende Lehrmethode zu finden, müssen wir unseren Kindern die von Europa entlehnte geben, die ihnen ebenso wesensfremd bleiben muß, wie etwa eine nur auf der religiösen Überlieferung erbaute Methode es wäre. Daß alle unsere Lehrmittel: Apparate, Instrumente, Karten, Tabellen, Bilder aus Europa stammen, bedingt natürlich eine weitere Abhängigmachung der jungen Geister von der herkömmlichen europäischen Kultur. Ebenso ist es in der Literatur,^ ebenso in der Kunst, auf die/ wir unsere Kinder hinweisen. Die überwiegende Mehrzahl der Bücher, die wir ihnen geben, sind Übersetzungen europäischer Werke, und selbst wenn es uns drängte, sie auf das Buch des Orients zu verweisen, so würden uns die technischen Möglichkeiten dazu fehlen. In der Musik können wir ihnen nur die Welt unsrer großen Europäer erschließen, während uns das Lied der Araber und orientalischen Juden, das die Kinder seit ihren ersten Tagen um sich hören, so fremd ist, daß wir von ihm zu unsrer Musik nicht einmal eine Brücke schlagen, geschweige denn die Kinder für das Verständnis Östlicher Musik vorbereiten können. Ebenso, wenn wir sie in die Antike, in die Sphäre der italienischen, holländischen und spanischen Meister, der Dürer und Grünewald einführen wollen: wir bringen sie in eine europäisch-heidnische oder europäisch-christliche Geisteswelt, von der wir weder wissen noch wünschen, daß es ihre Welt sein wird. Selbst wenn wir sie, die bei den arabischen Steinmetzen, Stickerinnen und Töpfern ihrer Umgebung eine auf ganz anderen Gesetzen beruhende Kunst als den natürlichen Ausdruck des Gestaltungstriebes sehen, auf das Kunstschaffen des Orients hinlenken wollen, so können wir es immer nur durch die Mittel, mit denen Europäer es uns nahegebracht haben, können es nur durch unsere eigenen, an Holbein, Michelangelo und Rembrandt zum Sehen erzogenen Augen, während es. doch scheinen will, als ob unsere Kinder, einer ganz natürlichen Geschmacksrichtung folgend, ein besonderes Verständnis für östliche Kunst zu entwickeln beginnen. Nur ein einziges Gebiet haben wir, auf dem wir sicher sein können, ganz eigenes, von der Kultur keines anderen Landes entlehntes und von keinem anderen Lande nachahmbares zu geben: bei der Einführung in unsere Volkslegende und Volkschronik. Wenn wir mit unseren Kindern auf dem Wege nach Schichem gehen und vom Urvater Abraham erzählen, wenn wir ihnen bei der Erzählung vom Einzug in das Land das Tote Meer in der Ferne zeigen; wenn wir sie, ihnen den Bau des Tempels schildernd, vom Tempelplatz, an der uralten Stadtmauer hinab, ins Gehinnomtal schauen lassen; wenn wir ihnen die Gipfel des Judäischen Gebirges weisen, auf denen David dem Goliath gegenüberstand — so werden wir Schaffende und Gestaltende, wie andere Lehrer der jüdischen Überlieferung es nirgendwo auf der Welt zu sein vermögen. In dem Augenblick allerdings,, da es heißt, die Legende als religiösen Mythos zu deuten, müssen wir schon verstummen oder etwas längst in festen Formen Erstarrtes geben, statt etwas, das einer neuschaffenden Welt gehört. So leiden wir an einem noch Tieferen als an der Unklarheit der Methode: an dem Zweifel, ob es überhaupt angängig ist, unsere Kinder, von denen wir ganz Neues erwarten, mit dem Wissensschatz unzähliger europäischer Generationen zu belasten. Andererseits bleibt uns auch nicht der Ausweg einer Emanzipation von westlicher und einer Anlehnung an die orientalische Wissenschaft. Ist diese doch uns selbst fremd, und sind wir mit unserem in Europa ausgebildeten Denl^system wahrscheinlich gar nicht imstande, uns mit östlichem Wissen ganz zu erfüllen, geschweige denn es weiterzugeben, besonders in einem Lande, dessen Bevölkerung keinerlei eigene geistige Leistungen mehr hervorbringt, sondern sich selbst an westliches Wissen klammert. Aber wir wissen ja auch gar nicht, ob unsere Kinder, in dem Grenzlande zwischen Ost und West

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