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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 381

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Von der zweiten Generation in Palästina
Date
1923-01-01
Page
381 (sequence 4)
Language
German
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Bemerkungen: Von der zweiten Generation in Palästina 38i heranwachsend, wirklich nur im Orient ihre Heimat finden und nicht vielmehr in beiden Welten wurzeln und eine Synthese östlicher und westlicher Kultur bilden werden. Wandeln wir so im, Unterricht unserer Kinder im Dunkeln und sind auf Kompromisse oder auf eine ganz willkürliche Stoffwahl angewiesen; so müssen wir uns ferner eingestehen, daß wir in ihrer Erziehung, d.h. in der bewußten Beeinflußung ihrer Seelen nicht minder versagen. An dem tiefsten Problem des Menschen: seinem Verhältnis zum Ewigen und der Form, in der er von diesem Verhältnis zeugt, müssendie meisten von uns vorbeisehen und den Fragen unserer Kinder aus dem Wege gehen, weil wir ihnen keine Antwort zu geben vermögen. Selbst da, wo Eltern für sich zu innerer Klarheit gelangten und noch mehr, wo sie, auf volle Klarheit verzichtend,, sich entweder aufs neue in die alte Form fügten, um mit der Form allmählich den Inhalt zu erfassen, oder sich zu einem völligen Bruch mit der überlieferten Form entschlossen, oder die alte Form, sie vom religiösen Symbol zur nationalen Tradition umwandelnd, mit dem veränderten Leben in Einklang brachten, überall da bleiben die Kinder ohne Wegweiser, denn sie sehen in der religiösen Sitte von Elternhaus und Nachbarhaus, Elternhaus und Schule, Elternhaus und öffentlichem Leben so tiefe Unterschiede walten, daß ihr Glaube an die Autorität' des Elternhauses ins Wanken geraten muß. Und so sehen die, welche den Inhalt durch die Anklammerung an die alte Form zu retten hofften, ebenso wie jene, welche die alte Form zerschlugen, um den Inhalt zu befreien, in ihren Kindern einfach eine gedankenlose Umgehung des Religiösen, und sie — die Formgläubigen ebenso wie dieFormzertrümmerer — müssen die ganze Generation ihrer Kinder inAreligiosität verflachen sehen. Ganz ähnlich verhält es sich auf dem Gebiete der sozialen Lebensgestaltung. Gleichviel ob wir glauben, daß die europäische Hinteilung in Klassen und gesellschaftliche Grade gut oder mindestens unabänderlich ist, ob wir mit unserem ganzen Leben einer revolutionären Umgestaltung unserer Gesellschaftsformen zustreben, oder ob wir, ähnlich wie im Religiösen, irgendwo in der Mitte stehen bleiben — unsere Kinder können wir nicht davor bewahren, einer in ihren sozialen Anschauungen so zerklüfteten Gesellschaft anzugehören, daß zwischen dem Leben von Nachbar und Nachbar, von Bruder und Bruder unüberwindliche Tiefen klaffen. Die Problematik einer aus allen Ecken der Welt zusammengewehten Gesellschaft setzt sich bis in die kleinsten Einzelheiten des täglichen Lebens fort. In allen Anschauungen und Gewohnheiten sehen unsre Kinder Verschiedenheiten der Kulturen: in der Auffassung von Wesentlichem' und Unwesentlichem, der Verfügung über Zeit und Raum, der Bewertung des Intellektuellen und des Ästhetischen, in der Emanzipierung öder Unterordnung der Persönlichkeit — in den hundert Formen, in denen sich diese und andere Anschauungen im täglichen Leben manifestieren, sehen unsere Kinder ein Gemisch der Kulturen, in dem ihnen weder Eltern noch Erzieher Autoritäten bleiben und die Wahl des eignen Weges erleichtern können, da Eltern und Erzieher ja auch nicht mehr ein unbedingtes Ja zu sich selber sagen« Die dritte oder vierte Generation nach der eingewanderten wird vielleicht schon so fest mit Luft, Boden, Geschichte und Umgebung des Landes verwachsen sein, daß sie schaffen wird, was wir erträumten, als wir' Zion wählten: die palästinensische Kultur. Von der zweiten; wurzellosen, ungeführten und zum Führen noch nicht genügend starken Generation dürfen wir kaum etwas andres erwarten. als eine Ungeistigkeit, die sie zur Schaffung neuer wissenschaftlicher, künstlerischer oder religiöser Werte untauglicher macht als selbst die Eltern zur Zeit ihres Wurzeins in irgendeiner fremden Kultur es waren. Allein vom Sozialen dürfen wir vielleicht hoffen, daß unsre Kinder, fortgerissen von der revolutionärent Welle, die mit den Einwanderern ins Land kam, ihren eigenen Weg finden werden. Auf allen anderen geistigen Gebieten müssen wir uns mit dem Gedanken abfinden, daß wir die zweite Generation dem Neubeginn in einer dritten oder vierten zu opfern haben. Helene Hanna Cohn (Jerusalem)

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