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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 379

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Von der zweiten Generation in Palästina
Date
1923-01-01
Page
379 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Von der zweiten Generation in Palästina 379 europäischen Beleuchtung nicht vielleicht ganz andere Elemente enthalten. So wird Gehorsam zu Willensschlaffheit, Ordnung zu Pedanterie, Eigensinn zu Willensstärke, Vorwitz zu Geistesschärfe. In der Furcht, unsre Beurteilung der Erscheinungen, an der wir selbst irre wurden, dem Kinde aufzudrängen, sind wir leicht geneigt, ihm überhaupt jede Spur einer Beeinflussung oder gar eines Zwanges zu ersparen. Schärfer spitzt sich das Problem in dem Augenblick, da wir dem Kinde seine erste geistige Nahrung geben wollen. Das Bilderbuch, das wir mit dem Kleinen besehen, zeigt ihm einen Wald, eine Schneelandschaft, einen Osterhasen, Leute in Tirolertracht — lauter Dinge, die nicht aus seiner Welt stammen und in seinen kindlichen Geist, der noch nicht einmal das Nächstliegende zu erfassen vermag, fremden Stoff einpflanzen. Mit einem Bilderbuch für palästinensische Kinder an Stelle des importierten Buches, das statt der Fichte die Palme, statt des Tirolers den Araber abmalt, wäre dieser Zwiespalt vielleicht gelindert; aber wäre er. auch behoben? Wird sich die Welt den Kommenden nicht vielmehr zu Gestalten formen, die unser Geist und Stift gar nicht festzuhalten vermag? Mit dem Spielzeug, diesem wichtigen ersten Mittel zur Erfüllung mit Begriffen, ist es ähnlich. Wir finden in der Spielzeugschachtel unsrer Kinder Dinge und Tiere, die nur in der Vorstellungswelt von Kindern eines ganz anderen Himmelsstriches ihren Platz haben. Oder wir sehen — nach der Vorlage — unter den Händen der Kinder eine Maschine sich formen, deren Nutzen wir ihnen nicht einmal erklären können, weil in unserem Lande alle Vorbedingungen zu ihrer Anwendung fehlen. Das Spielzeug, das unserer eigenen Kinder eigne Welt aufbaut, haben wir noch nicht geschaffen, wissen auch gar nicht, ob es sich nicht in seinem Charakter von europäischem Spielzeuge unterscheiden muß; wir finden uns deshalb vor der Frage, ob wir das Kind den importierten Einflüssen aussetzen oder ihm überhaupt jedes andere außer dem von ihm selbst geformten, allerprimitivsten Spielzeug entziehen sollen. Eine neue Steigerung erfährt das Problem in dem Zeitpunkt, da wir das Kind vom Bilderbuch zum Erzählungsbuch führen wollen. Mit Ausnahme der ganz wenigen Kinderbücher, die in der Sprache unsrer palästinensischen Kinder geschrieben sind und deren Inhalt sich wenigstens bemüht, etwas, von ihrem eignen Leben festzuhalten, haben wir nur fremden, notdürftig ins Hebräische übersetzten Stoff ihnen zu geben. Wenn wir aber die Welt der Königssöhne und Dorfeinfalten, der Feen, Nixen und Gnomen vor ihnen erstehen lassen, so müssen wir uns fragen, welchen Wert es hat, den kindlichen Geist mit diesen wesensfremden, im Dunkel nordischer Wälder erzeugten Vorstellungen zu beschweren. Ja, unser ganzes Bemühen wird, gelähmt durch die Frage, ob wirklich der Weg über das Buch der einzige und beste ist, der zu den neuen Menschen des neuen Landes führt, ob wir nicht vielmehr mit dem Buch einer Kultur den Weg verstellen, die sich gar nicht am geschriebenen Wort weiterranken will. Zu einem wirklichen Dilemma wird diese ganze Schwierigkeit, sobald die gründliche Einführung in die verschiedenen Zweige des Wissens beginnt. Was auch immer wir dem Geist der Kinder geben — wir können es ihnen im wesentlichen nur in der Form und Methode geben, in der unser eigner Geist es von Europa empfangen hat. Mit dem Schreib- und Leseunterricht beginnt es: so von Grund auf verschieden die hebräischen Schriftzeichen von den europäischen sind, so konnten wir doch noch keine andre Lehrmethode erschaffen als eine in den europäischen Methoden wurzelnde. Gleichviel ob es sich um das Wissen um fremde Länder, um die Kenntnis von Erscheinungen und Vorgängen in der Natur, um das Gefühl für Satzbau und Stil handelt — immer kann die Mehrzahl der Lehrer nur weitergeben, was sie selbst von Europa erhielt; und sogar die, welche neue Wege suchen, können nicht das Vertrauen zu sich selbst haben, daß sie wirklich die Wege finden, die der Eigenart unserer Künftigen entgegenkommen. Besonders deutlich tritt diese Schwierigkeit in der Einführung der Jugend in die Weltgeschichte zu Tage. In ihr mischt sich das

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