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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 378

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Von der zweiten Generation in Palästina
Date
1923-01-01
Page
378 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN VON DER ZWEITEN GENERATION IN PALÄSTINA Die fremden Kultureinflüsse.1) Als wir uns aus Europas Erde lösten und auf palästinensischen Boden verpflanzten, ahnten wir, daß uns das neue Land eine geistige Heimat, in der wir wurzeln und zu voller Blüte gelangen könnten, nicht sein würde. Zu sehr fühlten wir uns durchtränkt von der Kultur Europas und des besonderen Landes unsrer Lernjahre, um auf eine geistige Wiedergeburt in dem altneuen asiatischen Lande hoffen zu können. Unser Schicksal, wir wußten das, mußte es bleiben, Brücke zu sein für die Kommenden, für die neuen Schaffenden. Unsre geistige Wiedergeburt in ihnen schien uns ein Ziel, hoch genug, um seinetwegen Entwurzelung und Stummheit zu ertragen. Mitunter sagten wir uns wohl, daß der Prozeß geistiger Auferstehung eines Volkes sich nur langsam und unter schweren Erschütterungen vollziehen könne, und wir sprachen davon, daß erst die dritte oder vielleicht gar die vierte Generation zu einer neuen geistigen Einheit gelangen würde. Aber hatten wir damals eine Vorstellung davon, was es bedeutet, der ganzen Generation unsrer Kinder die geistigen Grundlagen zu zerbrechen und sie in die Finsternis vor dem Anbruch des neuen Tages hinauszusenden? Wer in Palästina lebt und Kinder erzieht, wird es als die größte Härte des Lebens hier empfinden, daß wir unserer zweiten Generation fast jeden geistigen Zufluchtsort, an dem früher die jugendliche Persönlichkeit ruhen und reifen konnte, verschließen mußten, ohne ihr die Heimstätte einer neuen Kultur öffnen zu können. In unsrer Überzeugung, daß wir kein einziges Gut besitzen, das wir fertig, so wie wir selbst es übernommen und gepflegt haben, in die Geister unsrer Kinder legen können, daß alles, was draußen und früher für uns unbedingte Wahrheit besaß, hier und jetzt von problematischem Wert geworden ist, sind wir so unsicher und kraftlos geworden, x) Vgl. VI. Jahrgang, 5. und 10. Heft. daß wir unsren Kindern nur wenig bei ihrer Menschwerdung helfen können. Was von jeher als die natürliche Entwicklung der Kultur galt: die Weiterreichung geistiger Güter von Geschlecht zu Geschlecht, die Anlehnung der Jungen an die Älteren, hier in Palästina ist es durchbrochen. Vor der Persönlichkeit unsrer Kinder, in der sich ja die Verwirklichung unsres Ideals erfüllen soll, haben wir zu viel Scheu, um sie „erziehen' 1 zu können. Und selbst das, was wir ihnen zur Ausweitung ihres Geistes an bloßem Wissen weitergeben können, zögern wir ihnen aufzudrängen, in dem Argwohn, daß diese Ausfüllung vielleicht keine wirkliche Bereicherung bedeuten würde, daß wir ihnen vielmehr nur etwas gäben, das —, einem andren, fertigen Kultursystem entstammend — sie in ihrer Bereitschaft zur Konzeption einer neuen Kultur stören würde. Von den ersten Tagen unsrer Kinder ab macht unsre eigene geistige Entwurzelung sich bei ihrer Behandlung geltend. In der Mutter sind bei der vollständigen Umstellung ihres Lebens gewisse fundamentale Anschauungen über Bedeutung und Aufgaben ihres Mutterberufes ins Wanken geraten. Die minutiöse Sorgfalt, mit der europäische Frauen sich der Pflege ihrer kleinen Kinder widmen, erscheint ihr nun nicht nur als eine unerlaubte Verzärtelung des Kindes, sondern zugleich auch als eine von Europas bürgerlicher Gesellschaft übernommene egoistische Konzentrierung ihrer — eigentlich der breiteren Gemeinschaft gehörenden — Kräfte auf die eigene Familie. Diese Unsicherheit führt häufig zu einem Schwanken in der Intensität der Kinderpflege, 'die nicht nur auf den Körper des Kindes einwirkt, sondern auch seine ersten Denk- und Gemütsregungen beeinflussen muß. Noch deutlicher macht sich diese, Unsicherheit bei der moralischen Behandlung der Kinder geltend. Bei all den kindlichen Tugenden und Unarten, die wir früher ganz deutlich als Tugenden und Unarten empfanden, entsteht nun in uns die Frage, ob sie in einer andren als der herkömmlichen

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