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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 373

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
373 (sequence 19)
Language
German
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Augustinus der Bekehrte 373 Erlösung überzogen werden: sie durfte in Epochen abgeteilt werden, in denen die Welt ihrem „jüngsten Tag" zuwächst. In der Vollkommenheit der Kirche selber aber mündet das Zeitgeschehen; sie ist das Meer der Ewigkeit für alle Ströme der Zeiten. Eine solche zeithafte und zielvolle Geschichtsauffassung ist durchaus aller neuplatonischen Zeit-losen Vorstellung von der Weltentwicklung entgegengesetzt, wie ja auch der Zielgedanke eines Endreichs dem antiken Erlösungsmythos völlig fremd ist. Hier herrscht das fleischgewordene Wort; die christliche Offenbarung ist in die Geschichte eingetreten — jetzt in die Weltgeschichte, wie vordem in die Biographie. Die katholische Kirche ist die Form des „tausendjährigen Reiches" geworden, das mit dem Erlöserleben angebrochen ist. Was in dem Leben Jesu von Nazareth punktuell war, das Bewußtsein der Endzeit, wird zur geschichtlichen Strecke. Deutlich spricht Augustin von dem „Kommen des Erlösers, kraft dessen er während dieser ganzen Zeitlichkeit in seiner Kirche kommt, d. h. in ihren Gliedern, Stück für Stück und Schritt für Schritt. Denn als Ganzes ist sie ja sein Leib". So ist jetzt der alte chiliastische Glaube, der an johanneische Verkündigung anknüpfte, in gegenwärtiger Wirklichkeit aufgehoben; er ist für die katholische Kirche erledigt und alle Erwartung der Endzeit hat sich veräußerlicht und verinnerlicht zugleich; jener Glaube an die in Jahreszahlen eingehegte, einmal errechnete Ewigkeit aber bleibt sprungbereit im Gedächtnis der Völker aufbewahrt und tritt in sektiererischen Erregungen immer dann wieder auf, wenn der christliche Mensch über die Kirche hinwegstürmen will, um durch die Katastrophe seiner Zeitlichkeit hindurch nicht zu Bild oder Utopie, sondern zu mitlebbarer Ewigkeit zu gelangen.' Das wird dann allerdings zur Ketzerei wider die Kirche. Gerade in einer Katastrophe der Zeitlichkeit unternimmt es Augustin, den Bau der christlichen Weltgeschichte zu errichten; in die Apokalyptik des römischen Weltreichs stellt er sein Hauptwerk hinein. Die Westgoten sind in Italien eingebrochen und haben Rom erobert. Dieser Zusammenbruch bringt noch einmal den Haß der Feinde des christlichen Glaubens zum Aufflammen: „Roms Zerstörung versuchen die Gläubigen der falschen und vielerlei Götter der christlichen Religion zur Last zu legen und haben bitterer, als wir es gewohnt sind, den wahren Gott zu schmähen begonnen." Augustin tritt zur Abwehr auf den Plan: in dreizehnjähriger Arbeit vollendet er sein Werk „de civitate dei", dessen erste Hälfte den Kampf gegen die Heiden mit der ganzen Kraft des heiligen Philosophen führt und in dessen zweiter Hälfte der eigenste Gedanke des philosophierenden Heiligen, die Gnade, sich aus der persönlichen Heilsgewinnung zur gesamtmenschlichen Heilsgeschichte weitet. Gott schuf und schied: Engel, Welten und Menschen, anbetende und abgefallene, lichte und finstere, erwählte und verdammte. Gott hat in Liebe geschaffen und in vorausbestimmender Gnade geschieden — „Zwischen <fem Licht, aus dem die heilige Vereinigung der Engel besteht, die in der

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