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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 372

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
372 (sequence 18)
Language
German
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372 Eduard Strauss: Erlösung hinstrebt. Nun aber erhält die Erlösung die Form, die auf diese heidnische Ich-Lebendigkeit paßt. Das getane Werk der Erlösung wird Bild über allen Bildern, Begriff über allen Begriffen für den Gewandelten. Alles, was der Christenmensch hört und sieht, empfängt diese „Taufe", sei es als Kunstwerk oder Naturschönheit in einer Scheinzeit und einem Scheinraum der christlichgewordenen Sinne, sei es als Staat oder Sittlichkeitsgedanke in einem idealen Zeitabschnitt und in einem utopischen Lande einer christlichen Entwicklung. Der Christenmensch kann mit dem Glauben an die Endzeit und an das Kommen des Richters in den Wolken die Zeitlichkeit abmessen, kann sie aus seiner individualen Endzeitgesinnung heraus richten und Schlußpunkte in die Geschichte setzen; und er kann die Endzeit der Erlösung vorbilden; im echten Jetzt und Hier vorwegnehmen kann er sie n i c h t. Die Vorwegnahme der Erlösung ohne irgendeine Art der Abkehr von der Welt und doch in einem ganzen Leben ist dem Christentum nicht gegeben. Der Streit um die Einheit der Kirche ruht nicht, trotzdem sie auf Erz gegründet scheint; die bange Frage nach dem, was zur Erlösung frommt, ob des Menschen Wille ausreiche oder die Gnade allein ihm helfen könne oder wie denn Beide zusammenstreben mögen, erstirbt im Munde der christlichen Völker nicht mehr: das „Zwar — aber" schweigt nicht. Und der wortferne Schrei des natürlichen, das Phantom-Lachen des heidnischen Menschen tönt immer wieder zwischen die Choräle: auch das „Trotz-Dem!" schweigt nicht. Deshalb darf auch die Kirche als Hüterin von Wort und Gnade nie verstummen. In alle Zeit muß sie die Verteidigung fortführen, die der Größte ihrer Väter begann. Gegen die Ketzer drinnen, gegen die Heiden draußen steht die streitende Kirche und führt die Waffen aus der Schmiede Augustins. Der Vater der Kirche gründet und baut. Augustin hat die Bedeutung der katholischen Kirche in ihrem Kern erfaßt: sie bekehrt den Heiden, bannt den Ketzer, nimmt die Heiligen auf. Damit ist sie die ausführende Macht der christlichen Erlösung, das höchste Gericht, die Gestaltung des Endreichs. Indem sie die Gnadenmittel verwaltet und die Gemeinschaft der Heiligen bildet, ist sie Abbild der „himmlischen Kirche" und in der Tat und in Wahrheit das wachsend-waltende „Reich Gottes" auf Erden. Trotz des einmal von dem Einen getanen Werkes der Erlösung besteht die Zeitlichkeit fort; in ihrem Verlauf sammelt die Kirche die Heiligen, deren Jeder in seiner Person den Aufschub der Endzeit abkürzt. Sie selber wird so zur Organisation der „Parusieverzögerung"; in ihr, als der zunehmenden Summe aller Heiligen, soll Christus seine Schar als Gemeinde vereinigt finden, wenn er „kommen wird in den Wolken des Himmels": die katho^ lische Kirche ist die n e u e Gemeinschaft. Augustin hat dieses irdische Endreich der Heiligen endgültig in die Zeit- 'lichkeit der Weltgeschichte eingebaut; damit bekam die religio ab aeterno, das Christentum, seinen auf der Erde gegründeten Wohnsitz. Zugleich konnte die Geschichte des Weltlaufs mit dem Meßnetz der christlichen

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