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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 370

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
370 (sequence 16)
Language
German
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370 Eduard Strauss: verleihen; sie muß am Menschen also die große Wandlung vollbringen, die den seit Adam Unfreien wieder zu Gott hin frei macht. Dann hilft die Gnade dem Menschen auf seinem Lebensweg zum Ziele der vollen Rechtfertigung aus dem Glauben; sie ist die Kraft, die ihn ausharren läßt und zugleich seinen Glauben läutert, „Gott anzuhangen, ist Gewinn", lautet hier das Bekenntnis. Das Allerhöchste aber spendet die Gnade dem Erwählten, indem sie ihn unwiderstehlich zur Heiligung hintreibt, ihn stark macht bis zu dem Entschluß, alles dahinzugehen: die eigentliche, volle Gnade ist es, die den Heiligen emporzieht. Berufen sind wohl Viele, aber Wenige sind auserwählt und sie allein trifft dieser stärkste Strahl. Dem Menschen wird die persönliche Gnade zuteil, den Glauben an die allem Schwanken entzogenen Heilslehren zu gewinnen. Diese Lehren selber aber verwaltet die Kirche, die zugleich der Ort ist, an dem die Gnade sichtbar wirkt und sich objektiv dem subjektiven Gnadenerlebnis zugesellt. Das beginnt mit deir Taufe, denn sie wäscht als lavacrum regenerationis die von der Adamssünde her stammende Schuld weg: ,,auf der Vergebung der Sünden beruht das irdische Dasein der Kirche". Es setzt sich in den anderen Sakramenten und in der Buße fort und .vollendet sich in der Aufnahme des asketisch vollkommen Gereinigten in die Zahl der Heiligen. Die Kirche, „das Schiff, das einzig die Evaskinder über den furchtbaren Ozean der Sünde tragen kann", ist in bezug auf alle Lehren irrtumslose Autorität; sie besitzt die für die Lehre grundlegenden Zeugnisse der Apostel und ist durch eine ununterbrochene persönliche Kette, die Reihe ihrer Oberen, mit diesen verbunden; Petri, des Apostelfürsten, Nachfolger ist der Bischof von Rom und als solcher das Oberhaupt der Kirche. Die Kirche ist heilig durch Christus, ihren Begründer, und durch die Verwaltung der Sakramente; sie ist Liebeseinheit und sie ist allgemein über den Erdkreis verbreitet: gerade diese beiden letzten Punkte sind die sichtbaren Zeichen und die Bewährungswunder ihrer Wahrheit. In Augüstins Gnadenlehre wird der seelische Vorgang des Erlebnisses metaphysisch, er wird Weltprinzip; das Sündenbewußtsein, die schmerzliche Scham der menschlichen Kreatur, wird zur Erbsünde. Was für Paulus das eine Erlebnis seiner Lebensspanne war, wird zum ausgedehnten allgemeingültigen Geschehen. Aus seinem eigenen Leben heraus hat Augustin die Lehren geschaffen, in denen er den christlichen Sinn vergegenständlicht. Hiermit soll nicht etwa eine „psychologische Erklärung" als möglich hingestellt werden, vielmehr zeigt das Werk des einen Mannes die tiefere, jenseits aller Psychologie liegende Tatsächlichkeit, daß es gerade christliches Wesen ist, das Seelische in ungeheurer Erstreckung in das Weltall auszubreiten. An Augustin wird dieser Vorgang am deutlichsten sichtbar. Es blieb einer späteren Wende vorbehalten, dies Seelenhafte aus der Dogmatik als „Frömmigkeit*' herauszulösen und es ganz und gar auf sich selbst zu stellen, d. h.: Paulus und Petrus zum anderen Male voneinander zu trennen, um dabei am Ende auch Piaton wieder „frei" zu machen.

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