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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 367

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
367 (sequence 13)
Language
German
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Augustinus der Bekehrte 3<57 leben aus, verbreitet sich über die Menschenwelt, findet Frau und Mägdlein und Kind und trifft am Ende die Tiere des Waldes und die Blumen auf dem Felde mit einem Strahl himmlischer Glorie. In jenem intimsten Insichhineingehen und lauten Sichhinausbekennen, jenem Hinabtaucjhen in das Allerursprünglichste und Überstrahlen aller geschöpflichen Nähe und Ferne, in der Art, wie der Heilige tief in Gott ruht und doch für alle Welt da ist, ist nur Eines nicht möglich: hier gibt es kein „Unter uns". Man kann Augustins Buch nicht mit den „Selbstbetrachtungen" gleichsetzen, die der philosophische Kaiser Marc Aurel hinterlassen hat. Der bleibt durchaus stoisch-doktrinär; er gibt sich selbst und anderen den guten Rat leidenschaftsloser Weisheit. Aber das gerade ist Augustin nicht: leidenschaftslos. Was ihn sein ganzes Leben durchglüht hat, schlägt aus dem Herzen des Heiligen in wilden Flammen zu seinem Gott und seinem Erlöser empor; sein Buch ist Autobiographie unter dem Gesichtspunkt des Heiligen; und wie später seine Geschichtsauffassung sich von aller griechisch-philosophischen unterscheidet, so hier seine Lebensbeichte von aller bloß lehrhaften Betrachtung. Höchstes, äußerstes Ziel gibt den „Bekenntnissen" das Signalartige und Aufflammende, wie es die Paulusbriefe haben, die gelesen und vorgelesen sein wollen, um dem Menschen, der jetzt lebt, in Eile, bevor es zu spät ist, das Zeichen der Erlösungszeit einzuprägen. Der christliche Denker festigt und lehrt. Er hat die Taufe empfangen: was er an Gedanken hervorbringt, ist Dank für die Gnade und das Heil. Ihn stattet er ab durch die Sicherung des Heilsweges für sich und alle Anderen in den Formen von Begriff und Lehrsatz und logischem Schluß. Unbedingt wie das Leben des Heiligen ist sein Denken: es geht auf die äußersten, letzten Dinge und formt ihre Bestimmtheit im Satz, im Dogma. Das Dogma ist kein reines Theorem: es ist bereits decretum, beschlossene Wahrheit; es ist Lehr-Satz des Glaubens und stellt zwischen allem, was erkenn- und beweisbar ist und dem erlebbaren Heil eine Verbindung her: es vereinigt die Liebes-Tat mit dem Lehr-Satz. In Augustins großer Bemühung um das Dogma der christlichen Kirche begegnen sich Paulus und Piaton. Die Idee des Griechen empfängt in der Taufe den Namen Dogma. In den Theologumenen des Paulus liegt der Anfang aller christlichen Dogmatik; in dem Augenblick, da Saulus zum Paulus wird und mit ihm das< Wort aus dem Lebenskreis des Einen Volkes heraussprengt, entsteht der Glaubenssatz. Das Lebendig-Einige zerreißt in Lehrsatz und Gesetz und über das Gesetz stellt sich der Lehrsatz vom Heil, der rnit d<sm „überflüssig"-gewordenen Gesetz nicht zusammenleben darf. Zum Lebenssatz wird er fortan für die lebendige Person, die ihn erlebt, der er — wie Augustin— die christliche Ganzheit des Lebens weisen und beweisen kann. Der Glaubenssatz durchwirkt die Zeitlichkeit als geistig-leitender Faden des Heilswegs und er gewinnt Gegenständlichkeit, indem er in ein besonderes wissenschaftliches System eingeht; das wiederum wird Sache einer von der Kirche gepflegten heiligen Wissenschaft, in deren Gefüge sich die plastische, mythos-

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