Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Augustinus, der Bekehrte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 366 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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366 Eduard Strauss: seines Lebens Fehle vor Gott: „Empfange das Opfer meiner Bekenntnisse aus den Händen meiner Sprache, die Du gebildet und erweckt hast, damit sie Deinem Namen die Ehre gebe und alles Gebein, das Du mir geheilt hast, möge sprechen: Herr, wer kommt Dir gleich?" Der Heilige ruft in seinem Gebet über sich persönlich und für sich allein einen „jüngsten Tag" herbei. Die Beichte, das Bußsakrament, ist Bekenntnis vor heiligem Gericht. Die „Bekenntnisse" des heiligen Augustin sind nicht Erzählung, nicht Brief, nicht Rede, sondern Gebet: damit bleiben sie durchaus persönlich, versinken aber keinen Augenblick in die mystische Lautlosigkeit; sie sind Ansprache der Einzelseele an Gott, die verständlich ist, trotzdem eine solche eigentlich in der Zwangsläufigkeit ihrer Entstehung keinen menschlichen Hörer und Leser voraussetzt. Und sie sind Schilderungen, in denen die Strömungen der Gefühle, Willensakte, Gedanken zur Gegenständlichkeit gezwungen und als letzte Tatsachen vor Gott hingestellt werden. Dieses bekennende Beten führt von aller „Außen"-Welt hinweg zu einer ganz anderen „inneren" heilerfahrenden Wirklichkeit. In der Schrift „Von der wahren Religion" heißt es: „Geh* nicht nach außen, gehe in Dich. Innen im Menschen wohnt die Wahrheit und wenn Du Deine Seele wankelmütig findest, so dringe über Dich hinaus." In dieser Wirklichkeit berühren sich zwei Wesen; sie beide werden einzigwichtige Gegenstände aller Erkenntnis: „Um Gott und um die Seele will ich wissen. Weiter nichts? Nein, gar nichts weiter." Ein abweisendes „Weiter nichts" tritt also auch allem Wissen entgegen; in dem innerlichen Haltmachen des Bekennenden vor sich selber verliert, wie durch einen plötzlichen ungeheuren Ruck weggeschoben, diese Welt ihre sachliche Sichtbarkeit, und eine neue Sachlichkeit tritt an ihre Stelle: die der Seele. Sie wird Gegenstand und Sache ihres eigenen Erkennens und Wissens. Das stoische „Erkenne Dich selbst" wird von einem „Erkenne Deine Seele", — den Wohnsitz Deiner Sünden und zugleich das Organ Deines Heils — abgelöst. Jetzt ist es möglich, daß neben irgendwelche begriffliche Seelenlehre die Tatsächlichkeit der Seelenkunde tritt; „Deine lebendige Seele", um deren Heil es geht, ist fortan erfaßbar und nennbar. Augustin war der Erste, der das wußte: „In sich selber ist doch Jeder zu Hause, und so achte er und schaue auf sich." Die Seele also, in ihrem Sein ganz deutlich und das Eigenste jedes Einen, wird selber zum Zeugnis ihrer Gottverbundenheit, zum Dokument der Offenbarung, die ihr zuteil geworden ist. Offenbarung wird etwas ganz „Innerliches", d. h.: Ereignis in der Persongeschichte, in der Biographie — nicht Ereignis in der Geschichte eines Volkes; was nun von dieser zeugnisablegenden Seele dem Menschen geschenkt werden kann, ist etwas Neues: es ist ein Sichverbreiten aller jener „I n n i g k e i t", die jetzt erst in „lyrischen" Werten der Lebensdinge als Schein und Abglanz seelischer Jenseitigkeit entdeckt werden kann. Dieser Lichtschein geht von dem Heiligen-