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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 365

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
365 (sequence 11)
Language
German
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Augustinus der Bekehrte 3*5 nennen: in der Beziehung zu seinem Gott und seinem Erlöser bleibt er noch Persönlichkeit und behält das Recht auf seine „Biographie": er wird durchaus nicht anonym. Das irdische Einzelleben wird so gänzlich zu einem himmlischen, daß der christliche Heilige sein Leben und Treiben, jedwedes Alltagsding und Handwerk, das ihm zu eigen war, mit sich nimmt und unter seiner besonderen Obhut behält. Der Heilige, den irdisches Geschick nicht mehr treffen kann, ist von seiner heiligen Realität aus fähig, in die Geschicke der Menschen einzugreifen — er tut Wunder: er ist nicht das Wunder, wie der Prophet, er bewirkt es. Der Mensch, der sich um seiner Seele Seligkeit willen einem heiligen Leben geweiht hat, wirkt auf die Menschenwelt, die er verlassen hat, zurück; er wird ihr zwingendes Vorbild und von seinem religiösen Beruf kündet die Legende. Da er Gott am nächsten steht und den Weg zu Gott am besten kennt, wird er für die Menschen zum Fürsprecher und Helfer; er rettet seine Verehrer für die endzeitliche Erlösung, indem er sie der göttlichen Gnade empfiehlt. So ereignet sich in der Gestalt des christlichen Heiligen wirklich eine Art von Parusie: diese der Zeitlichkeit entrückte, verklärte Person erscheint in den Wolken des Himmels — eine ganz andere Erscheinung als jene des antiken Heros, der als Sternbild über der Erde glänzt. Wir können in die Zelle des Heiligen blicken: wir können erfahren, was dieser Mensch in seiner Einsamkeit mit Gott beginnt; wir können seinen Weg weiter verfolgen und erfahren, wie das heilige Leben sich in die Welt und für die Welt auswirkt. Vier Tätigkeiten werden erkennbar: der Heilige bekennt und beichtet, festigt und lehrt; er bekämpft und besiegt, gründet und baut. Seiner Seele gibt er die Heilige Übung, seinem Geist schafft er das Rüstzeug; mit der Welt der Menschen steht er im Kampf und erobert das Reich der Seligen. Augustinus bekennt und beichtet: in dem großartigen und erschütternden Buche seiner ,,Bekenntnisse" schildert er sein Leben bis zum Tode seiner Mutter. In der Form eines Gebetes, dem kein Ton der Selbstanklage, kein Schrei der Verzweiflung und kein Hoffnungsseufzer, keine rührende Bitte und kein Lobgesang fehlt bis zu dem Schlüsse, da dem Betenden die Gewißheit der Erlösung, besser: des Freispruchs zuteil wird, hat der Heilige, seine Seele Gott eröffnet, wie nur ein Mensch sich vor dem nächsten Freunde erschließt. Aus dem innersten Wesen dessen, was dem Christen Offenbarung heißt, ist dieses Werk geboren worden: Jener Eine, der Alles war, der von sich gesagt hat „ich bin das A und das O", hat diesen Menschen aus seiner Stummheit erlöst und ihn aus dem Lärm seines Lebens und zugleich von seiner „beredten Kunst" weggerufen. Wohl war dem Heiden Aurelius Augustinus die Rede zu eigen, aber sie war eben nur — Rede: Gefüge guter Sätze, ohne Anfang und Ende im schönen Fluß, ohne entscheidendes Nein und Ja. Augustin, der Christ muß Antwort sagen, er muß Rede stehen: da aber frommt nicht mehr fließende Diktion — da wird ein, wenn auch nur gestammeltes, „ich bekenne" gefordert. Und Augustin bekennt sich zu seinem Erlöser und bekennt

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