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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 364

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
364 (sequence 10)
Language
German
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364 Eduard Strauss: der Vielfalt wieder die Einfalt werden soll, so bedarf es für ihn nur der lebendigen Erinnerung. Sie ist ihm seit Urväterzeiten eingeübt: „Sag's Deinen Kindern, Gedenke, Schreibe es auf zum Gedächtnis" — so tönt ihm fort und fort die Weisung. Seine Erneuerung ist — Anamnese. Nicht so beim Christenmenschen: seine christliche Wandlung und sein menschliches Neuwerden weist ihn auf den Weg vorwärts, ja — bis an das Ende aller Zeiten: und das auf Kosten „dieser" Welt und „dieses" Fleisches, die um des neuen Himmels und der neuen Erde und um des verklärten auferstandenen Leibes willen verneint werden müssen. Um Wahrheit und Einheit, Erkennen und Leben auf dem christlichen Heilsweg zusammenzuführen, mußte Augustin der Welt entschreiten und ein Abgeschiedener werden. Sein Glaube und seine Liebe mußten, von keiner Weltwirklichkeit gestört, eins werden; in dem Augenblick war er am Ziel, da das, Pauluswort vom „Glauben, der durch die Liebe tätig ist" an ihm wahr wurde. Alle Hoffnung erfüllte sich; Augustin wurde als der einzelne, lebendige Mensch allem Weltschicksal entzogen, Vorbild des letzten, äußersten, des christlich-wahren und durch die Gnade erlösten Menschen; er wurde der Heilige Augustinus. Was bedeutet hier, in christlicher Heiligkeit, der Einzelne? Nicht mehr und nicht weniger, als die Seele, die von der christlichen Offenbarung getroffen und berufen ist, dem Endreich der Erlösung anzugehören mit Jenem, der es herbeiführen soll. Das heißt also, daß, als persönliche Abkürzung höchster Erwartung, der Heilige in sich elementar das Endreich verkörpert, und daß er von „dieser" Welt abgetrennt ist. So haben es alle Jene erfaßt, die sich in den frühesten Zeiten des Christentums als Anachoreten von der Welt zurückzogen, um das Leben der christlichen Vollendung zu führen. Sie haben ihr irdisches Leben als etwas Wertloses weggeworfen, um als Märtyrer zu bezeugen, daß sie vollendet waren und an ihre Erlöstheit glaubten. Was sie mit ihrem Blute getan haben, das hat Augustin mit seinem Geiste getan; er ist Heiliger geworden, indem*er an sich den Satz wahrmachte: „Es gilt Christus anzuerkennen und durch den Menschen zu Gott emporzudringen." Der Einsamgewordene, der mit seinem Erlöser allein noch verkehrt und spricht, der im engsten Liebesbunde von nichts Anderem mehr wissen will, der christliche Heilige, tritt an die Stelle des antiken Weisen: wie Jener ist er dem Lebensschicksal entzogen, aber nicht durch seine Gedanken allein oder seine Tugenden, sondern durch den Willen, der sich der Gnade geöffnet hat. Für ihn sind die Geschicke der Menschen nicht einfach gleichgültig, sondern sie gehören einer unerlösten, von der Gnade nicht berührten, durch den richterlichen Akt der Endzeit und des Erlösers verdammten Vor-Zeit an. Der christliche Heilige ist Glied der Welt-Heilsgeschichte, nicht der Natur. Wenn auch der Heilige solcherart allein ist und sich zum Einzelnen macht und ablöst, so ist damit noch nicht gesagt, daß er der vollkommen Einsame, der am weitesten hinausgeschleuderte Mensch ist, den wir den Mystiker

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