Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Augustinus, der Bekehrte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 363 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Augustinus der Bekehrte 363 sein Werk in die Welt und stirbt, während mit der Belagerung durch dieVandalen die Wogen der Völkerwanderung an die Mauern seiner Stadt branden. Der Mensch, der damals den leiblichen Tod starb, war nicht Aurelius Augustinus, der Rhetor und Philosoph; der war längst, an dem Tage im Garten zu Mailand, gestorben* Der Bischof von Hippo, dessen Leben und Werk im Christentum fortwirkt, ist als ein Anderer, Gewandelter, in jener Erlebnisstunde geboren worden. Durch sein Christwerden wurde ihm das gegeben, um was er allezeit vorher gekämpft hat: die Ganzheit des Lebens, die ihm keine Weisheit zu geben, keine Form der reinen Erkenntnis zu gestalten vermocht hatte. Dem Schicksal kann ja in Wirklichkeit nur der Mensch standhalten, der ein ganzes Leben lebt, der Mensch, in dessen Alltag nichts eingeht, was nicht zu ihm gehört. Trifft Gottes Schickung den Geeinten, so werden alle seine Kräfte zugleich und zusammen wachgerufen: und als der, der er ganz ist, stellt er sich dem Rufe, der ihm bis in die letzte Blutwelle hinein tönt. Das kann aber Jener nicht, den Schickung und Fügung nur „teilweise" erfassen, den „Fachmann" des Lebens, dem Beruf, Verbundenheit, Genuß und was sonst immer, ebensoviele „Dies und Jenes" bedeuten. In ihm wird stets nur der „betroffene" Teil seines Kräftebündels Jtefreit und verbraucht; mit dem Rest mag er beginnen, was er will, — sogar weiterleben. Er kann, wie man wohl sagt, „rein menschlich" sehr schlecht und beruflich sehr gut daran sein — oder umgekehrt. Solange er es nicht bemerkt, mag es hingehen. Augustin aber war keiner von denen, die ihre Vielfältigkeit nicht bemerken; der Gefahr, von seinen Begabungen zerrissen zu werden, erlag er nicht. Er war Rhetor von Beruf, Philosoph von Begabung, leidenschaftlicher Mensch aus Trieb — und wußte, daß hier eine menschliche Drei-Einung nicht möglich war. Er fühlte Widerspruch und aus diesem Fühlen wuchs seine Sehnsucht, die erst nach völliger Wandlung und durch ein Vonvorneanfangen ans Ziel des ganzen Lebens gelangen konnte. Diese Wandlung war aber nur unter der Bedingung möglich, daß der Mensch sich mit starkem Entschluß seinem bisherigen Leben entriß und daß dem jubelnden Ja seiner Erlösung ein Nein voraustönte* Im christlichen Sinne ganz und gar einheitlich werden, heißt für den Menschen Gehorsam gegen die Unerbittlichkeit des Befehls: Verbrenne, was Du angebetet hast, — heißt Loslösung voneiner Wirklichkeit, die er mit abweisender Geste „diese Welt" nennt, heißt Trennung von den Menschen, denen sein zorniger Verweis das Wort „Ihr" zuruft. Es ist Welt und Mensche n'g emeinde der Endzeit, der letzten Tage, die hier bejaht, alle Zeitlichkeit und alles Schicksal jedes Tages, die hier verneint werden. Einen änderen Gang zur Ganzheit des Lebens, als diesen, gibt es für den Christen nicht. Vor Gott fliehen oder Gott trotzen oder die Welt verachten — das konnte auch der Heide. Die Welt richten mit dem Richterwort, das nur Gott sprechen darf, zum Endgericht gegenüber Weltfeben und Weltschicksal an Seine Seite treten, das ist das Werk des Christen. Wenn dem Juden, der im Getriebe sein jüdisches Sein verloren hat, aus