Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Augustinus, der Bekehrte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 362 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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3^2 Eduard Strauss: liehe Beratung frommt ihm; noch immer kommt er zu keinem Entschluß. Da tritt das Ereignis ein, das die Wende unmittelbar herbeiführt: ein afrikanischer Landsmann besucht ihn, erzählt, selber ein gläubiger Christ, von Bekehrungen, spricht von dem vorbildlichen Asketenleben des heiligen Antonius. Er weiß zu berichten, wie einfache Menschen, schlichte Leute ohne alle Wissenschaft, durch den Entschluß, heilig zu leben, zum christlichen Heil in mönchischer Abgeschiedenheit von der Welt gelangt sind. Diese Schilderungen beschämen und erregen den im Tiefsten Getroffenen. Er stürzt aus dem Hause; draußen im Garteji ergeht sich der Verzweifelte in heftigen Selbstanklagen: „Wie geschieht uns;? Was soll das bedeuten, was ich da höre? Die Einfältigen treten auf und stürmen den Himmel und wir mit all* unserer Wissenschaft, wir wälzen uns im Fleisch und seinen Lüsten!" Das ist der völlige Zusammenbruch, der Sturz in eine letzte Tiefe der Selbstverneinung. Wer da emportaucht oder emporgerissen wird, ist gewandelt. „Aus den Tiefen rufe ich" — wie Psalmworte klingt Augustins Hilferuf: „Soll's immer wieder heißen: Morgen, morgen? Warum nicht gleich? Weshalb ist dieser Augenblick denn nicht der letzte meiner Schmach?" Und im gleichen Augenblick wird dem Weinenden — aus dem Munde der Kinder und Unmündigen, nicht von den Weisen der Erde — die Antwort. „Und wirklich höre ich aus dem Nachbarhause eine Stimme, als singe da ein Knabe oder ein Mädchen einen Kehrreim: ,Nimm, lies — nimm, lies* . . . ." Augustin eilt dahin, wo er die Briefe des Paulus aufgeschlagen liegen gelassen hat; er liest die Stelle, die ihm ins Auge fällt — es sind die Worte des Apostels an die Römer: „Lasset uns wandeln .. . nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht mit Unzucht und Üppigkeit, sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und pfleget nicht das Fleisch zu Lüsten". Da erst ist die Entscheidung gefallen, das Wort ist an ihn persönlich ergangen: er wird die Taufe nehmen. Die Mutter ist die erste, die glückstrahlend den Entschluß d£s Sohnes vernimmt; das Licht der Zuversicht hat sich in ihn ergossen, alle Zweifel sind geschwunden. Der heidnische Philosoph ist in den Christen verwandelt: was er war, ist er nach seinem Erlebnis nicht mehr. Mit der Taufe tut sich ihm die letzte Pforte auf und der Weg ist beendet, der den „Neophyten" — den Neugeborenen — zuerst in die Schule des Denkens, die griechische Säulenhalle, dann durch die unterirdischen Gänge gnostischer Geheimnisse hindurch und schließlich die immer heller leuchtenden Lichtstufen des Neuplatonismus emporgeführt hat. Die drei Mystagogen hat schließlich Paulus abgelöst; der Prophet des Christentums hat Augustin bekehrt und ihm das heilige Bildnis seiner Erlösung in die Seele gesenkt. Sein letztes Wort ist stärker als die beiden „Entschlüsse", die der vormalige Heide vergebens gefaßt hat. Jetzt erst tritt Augustin in Wahrheit das Muttererbe an, das nicht im Blut in ihn eingeströmt ist, nun mag er es aussprechen: „Oh Herr, ich bin Dein Knecht, der Sohn Deiner Magd!" Augustin kehrt nach Afrika heim, wird Presbyter, dann Bischof; seinem Leben hat er endlich die Form gefunden. Aus klösterlicher Stille sendet er