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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 361

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
361 (sequence 7)
Language
German
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Augustinus der Bekehrte 361 ja ihrem neuen Schüler selber in diesem Augenblick die christliche Lehre als Wegführung für sein Leben noch unerreichbar bleibt. Zwar nicht mit denselben Worten, aber dem Sinne nach, liest Augustin aus den Büchern der Platoniker, daß im Anfang das Wort war, daß das Wort bei Gott war, daß durch das Wort alles geschaffen wurde — „daß sie es aber aufgenommen hätten, daß es ihnen durch den Glauben an seinen Namen die Kraft gegeben hätte, Gottes Kinder zu werden, das las ich dort nicht. Auch fand ich bei ihnen, das Wort Gottes stamme nicht aus Fleisch noch Blut noch aus der Willkür des Mannes noch aus der Wahl des Fleisches, sondern aus Gott, Hingegen, daß das Wort Fleisch geworden sei und Wohnung genommen habe unter uns, fand ich bei ihnen nicht." Was Augustin also gewonnen hat, ist viel, aber eben nicht alles: „Ermutigt, die körperlose Wahrheit zu gewinnen, erblickte ich Deine unsichtbare Welt nur in der Vermittlung durch die gedankliche Welt." Als Ideal schwebt ihm, wie den griechischen Denkern, die griechisch-heidnische Gnosis vor; die christlich-jüdische P i s t i s , der Vertrauensglaube hat ihn noch nicht ergriffen. Der griechische Gedanke trifft, durchaus aufbereitet, auf die höchst reaktionsfähige seelische Substanz des Augustin; Ciceros Hortensius, der Manichäismus, der Neuplatonismus sind die drei Bestandteile, die in diesem Geiste zur Wirkung kommen. Allein ^etwas fehlt: Die unveränderlich intellektuelle Wesensart der neuen Erkenntnis bildet eine letzte Hemmung: sie bleibt, was sie ist — leidenschaftslose doctrina. Immer deutlicher wird der Widerspruch zwischen Lehre und Leben, zwischen Augustins eben erkannter Wahrheit und seinem immer noch gleich gebundenen Dasein sichtbar. Die Hemmung kann aber nicht mehr durch eine milde und allmähliche Klärung von Begriffen beseitigt werden: der einzig mögliche nächste Schritt vorwärts muß den Charakter einer Katastrophe haben. Johannes, der Evangelist, konnte den zündenden Funken nicht geben; ein anderer ist dazu berufen: Paulus, der Bekehrer, tritt zu entscheidender Zwiesprache an den Heiden heran. Er, der griechisch Sprechende, aber urchristlich-eschatologisch Gebliebene, vermag mehr, als die platonische Scheidung von Leib und Seele bloß in Gedanken zu lehren. Mit dem Enthusiasmus endzeitlicher Gewißheit, mit der Kraft eines allerletzten und endgültigen „Jetzt" erfaßt er die schwankende Seele. Aus dem Brennglas paulinischer Botschaft fällt der christliche Lichtstrahl auf jenen entzündlichen Stoff, und in mystischer Flamme schmilzt er zu einer neuen, einheitlichen Verbindung zusammen. In der gleichen Zeit, in der Augustin die Gedanken Piatons und Plotins in sich -aufnimmt, liest er eifrig die Briefe des Paulus. Wie er sein Leben zur bewährenden Einheit gestalten soll, fühlt er immer deutlicher; die Worte des Paulus über die Ehe und das ehelose Leben drängen, aber sie entscheiden noch nicht, denn der Wille des leidenschaftlichen Mannes ist durch seine concupiscentia carnalis unfrei. „Ich dekretierte mir als oberstes Gesetz: Vor allem lass' den Beischlaf" — allein wozu dient ein solches „Dekret", dieser noch selber erteilte Befehl? Keine wohlmeinende Christ-

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