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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 360

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
360 (sequence 6)
Language
German
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3Öo EduardStrauss: urteilt, als habe er mit Gottes Ruf seinen Spott getrieben — „gleich, gleich, noch eine kleine Weile!" — fällt Augustins Bekanntwerden mit der Gedankenwelt Piatons und der großen Endform des griechischen philosophischen Genius, dem Neuplatonismus. Augustin hat durch seinen Weggang von Rom nur äußerlich den Bruch mit dem Manichäismus vollzogen; sachlich beseitigt erst die allegorische Schriftausdeutung des Ambrosius die Bedenken des Manichäeranhängers gegen die heilige Schrift: diese kritische Hilfe und Überwindung schafft zugleich die Grundlage für jene Glaubenshaltung, die erst kommen soll und deren erste gedankliche Stütze aus dem Piatonismus aufwächst. In der Flamme des griechischen Feuers verbrennt zunächst alles Sinnlich- Materielle in Augustins Weltauffassung. Aus Übersetzungen lernt Augustin die Schriften der neuplatonischen Schule, außerdem wohl auch mehrere Dialoge Piatons kennen. Die neuplatonische Lehre fügt den Gedanken Piatons wesentlich neue Motive hinzu: aus Gott, dem Einfach-Einen, strömt alles Seiende aus; Gottes Wesen steht weit über der Welt der Körper, der Seelen, der veränderlichen Geister. Zu Gott zurückzukehren, sich geistig-schauend mit ihm zu vereinen, ist das höchste Ziel menschlichen Weisheitsstrebens: in der Ekstase, dem Entschreiten, dem Hinausgehen des Einsamen zum Einsamen, wird es erreicht. Mit wachsender Anteilnahme vertieft sich Augustin in die Worte dieser Denker, erblickt, selber im Letzten eine ungriechische Persönlichkeit, - Piaton mit den Augen Jener, die seelische Urtriebe Asiens in die Formen platonischer Ideen gebannt haben und gewinnt die Methode, die sein späteres Denken beherrscht. Philosophisch begreift er jetzt die Logoslehre, die den Prolog des Johannes-Evangeliums bildet; dort ist der Logos, von Philo als göttliche Urkraft erdacht, zur Person geworden. Philos, des Juden, Gedanken (auch seine allegorische Schriftdeutung) haben ein eigenes Schicksal: sie mögen nicht den Rang eines der großen philosophischen Systeme einnehmen, aber sie haben die eigentümliche Funktion des Wartens: sie müssen, eine Art von Antaeos der Philosophie, auf ein lebendiges Erdreich fallen, um im erlebenden Menschen lebengestaltend und schicksalerfüllend zu wirken. Vielleicht ist das mit aller jüdischen „Philosophie** der Fall, daß sie, als eine vom ganzen Leben des ewigen Volkes sich loslösende Funktion, selber nicht Ziel und Zweck in sich selbst hat, und erst in einer — nicht einmal jüdischen — Menschengestalt oder Lebensanschauung ihre Erfüllung findet und wirklich wird. Das „Fleischwerden-Müssen" scheint die besondere Bestimmung der Lehre Philos zu sein; sie ist ein Quell, der der erlebnisstarken Mystik Nahrung spendet, wie es die andere begrifflich-rationalistische Seite jüdischen Denkens ist, die das lebenformende Gesetz befruchtet. Augustin erfährt eine neue Lehre und nur diese; wohl erstaunt er über ihre Übereinstimmung mit den christlichen Wahrheiten — „Niemand kam uns so nahe, wie sie", sagt er später. Aber trotz ihrer Nähe konnten sich die Neuplatoniker nicht zu dieser Wahrheit bekennen, wie

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