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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 359

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
359 (sequence 5)
Language
German
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Augustinus der Bekehrte 359 Ideal; „gib mir Keuschheit, aber nicht gleich jetzt", heißt die Gebetsformel, in der sich seyin Streben ausdrückt. Der Dienst, den die „auditores" jenen;,Heiligen" leisten müssen, — „wenn sie ihnen die Speisen auftrugen, aus denen jene in ihrer Magenretorte die Engel und Götter bereiteten, die sie erlösen sollten" — muß Augustin eines Tages zur Lächerlichkeit werden; aber es dauert noch lange, bis das Bekenntnis dieser Torheiten für ihn (das Bild erinnert an jene manichäischen „Speiseopfer") eine hostia jubilationis wird, und es mag doch sein, daß bei dem Afrikaner der manichäische Mysteriendienst eine tiefere seelische Schicht berührt hat. Augustin gehört noch in Rom der Sekte der Manichäer an. Dort in der Weltstadt, dem Mittelpunkt des geistigen Lebens der Zeit, erfährt er den gewaltigen Gegensatz zwischen dem Leben des asketischen Christentums und dem der heidnischen Welt, die im Rausche der Sinne ihrem Ende zutaumelt. An Einsichten reicher, aber ohne Entscheidung, geht er als Professor der Rhetorik nach Mailand: und jetzt eilt das Schicksal seines Lebens zur Wende. Freilich bringt Augustin keine Einheit von Sinn und Schicksal, von Seele und. Leben mit, denn noch lebt er kein ganzes Leben; einzig die philosophische Erkenntnis ist ihm das höchste Gut, das unvermittelt neben, ja außerhalb seiner Menschlichkeit steht: „Ich lebte der Überzeugung, daß Lehrsätze glaubwürdiger seien als Gebote." In Mailand wirkt Bischof Ambrosius, der große Bekämpfer der arianischen Lehre, dessen Persönlichkeit für Augustin zwiefach anziehend ist: der zur Zeit eindrucksvollste Redner der Kirche steht, gleichwie Augustin selbst, stoischen Anschauungen und ciceronischem Denken nahe. Augustin besucht den christlichen Gottesdienst und hört die glänzenden Predigten des Ambrosius: nur künstlerisch — im Gesang und im gesprochenen Wort — tritt das Christentum vor die Sinne des innerlich gleichgültigen Katechumenen; noch kann ihm das ambrosianische Bekenntnis nicht zum eigenen werden: „Nicht aus den Werken, sondern aus dem Glauben vergab er durch seine Gnade die Sünden. Ich will mich nicht rühmen, daß ich gerecht bin. Sondern rühmen will ich mich, daß ich erlöst bin. Ich will mich nicht rühmen, daß ich sündenlos bin, sondern daß mir die Sünden erlassen sind." Ganz von ferne erst tont dies Wort vom Glauben und der Gnade: Augustin fühlt vielleicht, daß es ihn meint und ihn ruft, aber es trifft ihn nicht beim Namen: das Leben, das er führt, hat sozusagen den Eigennamen noch nicht, bei dem es aufgerufen werden könnte; er bleibt im Innersten unkefriedet und zerrissen. Im Geistigen häuft sich ihm Besitz auf Besitz. Erkenntnis schließt sich an Erkenntnis; all dies ist jetzt nur sorglich umhegter, künstlich angelegter Garten, nicht fruchtbarer Acker des Lebens. Von Schicksals wegen muß diesem Menschen erst alles Gedachte zu eigen gegeben werden, damit er es auf seinen Heilsweg mit sich nehme und es als Universal-Erbe der alten Zeit aller kommenden christlichen Gestaltung einbilde; gerade in diese Zeit letzten Aufschubs und letzten Zögerns, die der spätere Heilige ver-

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