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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 358

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Augustinus, der Bekehrte
Date
1923-01-01
Page
358 (sequence 4)
Language
German
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35« E duard Strauss: Philosophie zu führen. Ciceros Didaktik hat ihren Zweck in diesem einen Falle schicksalhaft erreicht; Augustin bekennt: „Dies Buch wandelte meinen Sinn und wendete mein Gebet auf Dich selbst, o Herr, und änderte meine Wünsche und mein Begehren. Jedes leere Streben verblich, unvergängliche Weisheit begehrte ich mit Herzensglut und so war ich aufgebrochen, um zu Dir heimzukehren." Ciceros Buch ist bis auf wenige Bruchstücke verloren gegangen; aber sein Einfluß auf Augustin hat Großes und Lebendiges über sein eigenes Leben hinaus gezeugt. Noch ergeht aus der Region der Fragen, die Augustins Geist immer stärker bedrängen, nicht seine Antwort, die alle Fragen mit aller.Gewißheit befriedigt; aber zwei Merkmale dieses Lebens treten zutage: die grüblerische Tiefe Augustins wird wach und wirft ihre ersten Schattenzeichen auf seinen hellen Lebensweg; mit der mütterlichen Seele empfängt er das Erbe der Zeit. Dem Denker, der sich langsam zum Ergreifen und Begreifen schult, bietet sich als Stoff1 und Besitz für immer die Gedankenwelt der Antike: sie ergibt sich seinem Denken, wie Schönheit und Glanz sich seinen Sinnen ergeben hatten. Hier tuf sich vor Augustin die erste Pforte auf, die in den Säulengang des Geistes führt; an dessen Ende aber harrt ein zweites Tor, das ihm der Gedanke allein nicht erschließen wird. Augustin wird nach beendetem Studium Lehrer der Rhetorik. Eine neue Station auf seinem Wege bildet der Eintritt in die Sekte der Manichäer, der er als „auditor" neun Jahre lang angehört. Für die Mutter ist dieser Schritt des Sohnes mit dem Abfall gleichbedeutend, und erst nach geraumer Zeit gewährt sie ihm Verzeihung; die Gewißheit, daß ,,ein Sohn, der soviel Tränen gekostet hat, nicht verloren sein kann", erhält dem jungen Wahrheitssucher die stille wunderbar sicher führende Kraft mütterlicher Liebe. Mit der manichäischen Gnosis mündet ein neuer, allerdings recht trüber Strom des spätantiken Geistes in Augustins Denken: dieses seltsame Gemisch zoroastrischer Weisheit und johanneisch-christlicher Vorstellungen verspricht ihm die Lösung letzter Rätsel. Aber der manichäische Dualismus von Licht und Finsternis und die verworrenen, mit keiner wissenschaftlichen Anschauung irgendwie* zu vereinbarenden kosmologischen Vorstellungen stellen Augustin, den philosophisch ausgezeichnet Geschulten, vor neue Fragen. Keiner vermag ihm;Klarheit zu geben; auch der berühmte Manichäerbischof, der „große Fallstrick des Teufels" (wie Augustin ihn zürnend später genannt hat), löst kein Versprechen ein. Der erweist sich zwar als gewandter Redner und ist klug genug, seine Unzulänglichkeit bescheiden einzugestehen; allein die paar Bücher, die er gelesen hat, reichen nicht hin, um ihn dem Überlegenen gegenüber zur Beantwortung streng gestellter Fragen zu befähigen. Augustin fühlt sich als betrogenen Betrüger, in seinem Berufe sowohl, wie in seiner gnostischen Weltanschauung. Die Asketik der drei manichäischen „Siegel" — des Mundes, der Hand, des Schoßes — taugt nicht für seine Lebensweise; die Enthaltung von der Fleischnahrung, von der Arbeit und vom Weibe, wie sie die „Auserwählten und Heiligen" der Sekte üben, ist für ihn wohl zu dieser Zeit nur ein lässiges

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