Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Augustinus, der Bekehrte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 357 (sequence 3)
- Language
- German
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Augustinus der Bekehrte 357 Nun soll sich um seiner entscheidenden Wende und um seines bestimmenden Werkes willen ein Leben zeigen, das innerhalb der christlichen Weltzeit verläuft. Aus zwiefacher Zeitrichtung datieren wir die Geburt des Jesus von Nazareth — von innen und von außen her; zwei Zeitlinien scheiden sich in dem einen Zeitpunkt: die jüdische Rechnung ergibt das Jahr 3760 der Schöpfung, die heidnische das Jahr 754 nach der Gründung des Stadtstaates Rom. Die Lebenszeit des großen Bekehrers haben wir nicht -mit der Geburt des Saul von Tarsos, sondern mit seiner Wiedergeburt als Paulus am Tage von Damaskus zu beginnen: das Erlebnis erst führt sein Leben und Wirken hinaus in den Weltlauf. Diesem selber aber gehört die Zeit des Augustin an: er ist geboren im „Jahre des Heils" 533, als Sohn eines heidnischen Vaters und einer christlichen Mutter. Augustin trägt die Züge der Eltern: Er hat das Brausende und Dunkelglühende des afrikanischen Menschen, er hat die jähe gewaltstarke Art des Vaters und zugleich die nach innen gekehrte grüblerische Beseeltheit der Mutter; es ist gerade dies mütterliche Erbe, das seinen Weg bestimmt: wie so viele große Söhne artet Augustin im Entscheidenden nach der Mutter. Auf der Hochschule in Karthago unterrichtet er sich in den Geisteswissenschaften der Zeit: das Ziel seiner Studien ist der Beruf des „Rhetors" — des Kunstredners, dessen Tätigkeit seit der Mitte des zweiten Jahrhunderts im größten Ansehen stand. Rhetores fiunt, sagt das lateinische Sprichwort; durch dies „Erzogenwerden" gewinnt Augustins Anlage die Fähigkeit des Ausdrucks, wie er der Zeit gemäß war. Er erlernt eine Wortkunst, bevor sein Schicksal sich erfüllt und das Wort' ihn überkommt; die Form gewinnt er berufsmäßig und übend, in langsamer Bereitung wächst ihm der Inhalt zu: stufenweise, bis zu dem Augenblick, da ihn gerade jene Rhetorik an die Pforte seiner eigentlichen ihm bestimmten Welt geführt und gelockt hat. Christianus fit, non nascitur — sagt ein zweites Wort; dieses „Werden" ist anderer Art. Der Weg, den elterlicher Wunsch und eigener Ehrgeiz ihn wiesen, hat Augustin nicht in die Welt Roms und nicht zum Teilhaben am Ruhm zu der ewigen Stadt geführt. Als Träger eigener Glorie ist er in den christlichen Gottesstaat eingegangen, ein Bürger der »Stadt Gottes", deren Tore er selber gesichert hat. Was der Mann mit ungeschminkter Offenheit, vielleicht im einzelnen allzu selbstquälerisch und unerbittlich, von seinen Jugendjahren berichtet, ergibt das Bild eines von wilder Kraft Überschäumenden, der hemmungslos seinen Begierden die Zügel schießen läßt. Dem frühreifen Neunzehnjährigen ist keine Lust, keine Leidenschaft, kein Wunsch und keine Erfüllung fremd. In dem tollen Wirbel aller Farben des Lebens, im grellen Licht durchsonnter Tage und im schwülen Dunkel berauschter Nächte kocht der Wein dieser Seele zur Reife. Wie Augustin die Gärten der Lust durchstreift, sd durchwandert er, genießerisch fast, die Hallen griechischen und römischen Denkens. Wie er lebt, so lernt er, bis ihm der Gang seiner Studien Ciceros „Hortensius" in; die Hände spielt, in dem der römische Rednerphilosoph sich vorgesetzt hatte, seine Leser zum Studium der stoischen