Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Augustinus, der Bekehrte
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 356 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Eduard Strauss: des Christentums ist die Taufe vielfach erst am Ende des Lebens genommen worden, damit sich ihre Gnadenkraft rückwirkend voll entfalten könne; der Brauch bezeugt an sich nur die hohe mystische Bedeutung, die man schon früh diesem Sakramente beimaß. Der Mensch kann aber vor dem bewußten Empfang der Taufe während eines langen Lebens schwer gekämpft haben, bis ihn das entscheidende Erlebnis reif machte und er als Bekehrter der siegreichen Gnade erlag. Und es kann sein, daß der Mensch trotz der in unbewußter Kindheit bereits empfangenen Taufe sich erst viel später in seiner besonderen Weise und mit seiner größeren oder geringeren Glaubenskraft als Christen weiß und bekennt; wobei es dann aber nicht, wie beim Juden, auf das einfache So- Sein und Sich-Erinnern, sondern auf das Wirksamwerden des ganz bestimmten den Christen seligmachenden Glaubensinhalts ankommt: nämlich den Glauben an Jesus als den Christus. Gleichviel: mag es sich um Christwerden durch den 'sakramentalen Akt der Taufe oder durch das inhaltsoffenbarende Erlebnis handeln, immer wird ein Mensch Christ; er birgt nicht von Geburt aus etwas in sich, das er durch ein, wenn auch noch so leise gesprochenes, Ja zum lauten Namensruf seines christlichen Daseins erwecken könnte. Was von solcher Art weckbar im Menschen war, ist alles Andere — Familie, Stamm, Volk im weitesten Umfang naturhafter Verbundenheit —• nur nicht dies eine: Christsein. Wie die christliche Bekehrung abschließend den Geist der alten Welt überwand und wie eine Menschenseele sich ihr Christentum errang, das zeigt das Leben des Mannes, der als einer der Größten aller jemals Bekehrten in der vollen Tageshelle der Geschichte einen doppelten Kampf gekämpft hat. Am Ende des ungeheuren Vermischungsprozesses,' der begann, als das offenbare Wort in christlicher Menschgestalt in die griechisch-römische Welt hineintrat, steht überwindend und überragend Aurelius Augustinus. Er hat den Gedankenkampf der neuen christlichen Welt gegen die Welt des antiken Heidentums durchgeführt und den Seelenstreit zwischen heidnischem Ursprung und christlicher Erweckung vorbildlich dargelebt. In Augustins Lebenswerk siegt der christliche über den antiken Geist; endgültig tritt die alte Ideenwelt an die zweite Stelle und es' muß ein Jahrtausend vergehen, bis dem christlichen Westeuropa die heidnische Sonne Homers wieder leuchtet. Für Augustin ist der griechisch-römische Gedanke Stufe, die emporführt und überwunden wird und zugleich erbeuteter Kronschatz, den der Sieger nutzt und für die Folgezeit bewahrt. Der geistige Makrokosmos seines Lebens bleibt dauerndes Zeichen in der Geschichte des Christentums. Im Ringen der Seele um das christliche Heil überwindet er um seiner Erlösung willen die Naturgebundenheit des Menschen und hebt damit seine Menschlichkeit zur christlichen Heiligkeit empor. Von seiner Lebenshöhe gewinnt Augustin Ausblicke in ein vor ihm nie geschautes Land, zeichnet er in eine erste und fast schon nicht mehr zu verbessernde Karte die Wege ein, die die Seele des Christen zu Gott führen. Der seelische Mikrokosmos seines Erlebens ist das klare Bild bewußten Christwerdens.