Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 353 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden. 353 das Testament unterschreiben, weicht der stille Ernst einer lauteren, hoffnungsfreudigeren Stimmung; alle Anwesenden rufen dem Kranken eine „R'fuah sch'lejmah" (volle Genesung) zu. Er möge bei voller Gesundheit sein Testament noch mehrmals umarbeiten und verbessern! Der Kranke spricht: „Amen!" Manche andere, die schon bei voller Gesundheit ihre letztwilligen Verfügungen getroffen haben, erwähnen froh und stolz, daß sie ihr Testament schon soundsoviel Jahre fertig liegen haben. Besonders bei Kinderlosen ist eine so frühzeitige Regelung häufig. Bis etwa zur Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die meisten ostjüdischen Testamente in hebräischer oder jiddischer Sprache abgefaßt. In den letzten Jahrzehnten jedoch werden bereits alle Testamente, die bloß vermögensrechtliche Fragen behandeln, mit Rücksicht auf ihre spätere Gültigkeit, unter Beobachtung der dafür geltenden gesetzlichen Formalitäten, in der Landessprache verfaßt. Außerdem pflegen fromme Leute noch in einem in hebräischer oder jiddischer Sprache an die Familie geschriebenen Briefe ihre besonderen persönlichen Wünsche, Ermahnungen, Weisungen und Lehren als eigenstes Vermächtnis zu hinterlassen. Viele Familienbräuche, auf die großes Gewicht gelegt wird, werden auf solche letztwillige Bestimmungen berühmter Ahnen zurückgeführt. 5. Letzter Segen Nach einem, aus uralt biblischer Zeit stammenden Brauche ist es noch heute im Osten Sitte, daß ein Kranker, Mann oder Frau, wenn er durch besondere Frömmigkeit ausgezeichnet ist, und umsomehr, wenn er schon im vorgerückten Alter steht, seine Nächsten und insbesondere seine Nachkommen oder Schüler vor seinem Tode segnet. Bekannt sind schon aus der Bibel die Segensprüche des Jizchak und Jakob für ihre Kinder wie der Mosis für das ganze Volk. Schüler großer Männer pflegten sich in thalmudischer wie auch in späterer Zeit um das Krankenlager ihrer Lehrer und Meister zu versammeln, um von ihnen den letzten Segen zu empfangen. Als R. Jochanan ben Sakkaj schwer krank darniederlag, kamen seine Schüler zu ihm mit der Bitte, er möge ihnen seinen Segen erteilen.x) Das Auge des Sterbenden, der das Irdische und Vergängliche hinter sich läßt, blickt ins Unvergängliche und erstrahlt vom Licht der Ewigkeit. Eine höhere Kraft und Wirksamkeit wohnt dem Segen des durch besondere Tugenden Ausgezeichneten inne. Ruht doch der Abglanz Gottes, die »Sch'chinah" selber zu Häüpten eines solchen Kranken. 8) Im Osten werden viele Legenden von besonderem Glück erzählt, die solch letzter Segen den Nachkommen, Freunden, Schülern und Anhängern gebracht hat. Ebenso ist auch ein letzter Fluch eines Sterbenden von ganz besonders unheilvollen Folgen. Auch darüber sind viele Geschichten im 4) Babli, „B'rachoth", 28 b. ) Babli, „Sabbath" 12 b; „N'darim" 40 a. Heft 6. 23