Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 349 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 349 Während die nichtjüdischen öffentlichen Institutionen wie Schulen, Spitäler, Waisenhäuser, Altersversorgungsanstalten u. dergl. von Staat oder Kommune aus den Steuergeldern aller, auch der jüdischen Bürger, erhalten werden, ohne daß das einzelne Individuum zu einer besonderen freiwilligen Leistung dafür angehalten wird, sind die ihnen entsprechenden rein jüdischen Institutionen ausschließlich auf sich selbst angewiesen und müssen durch Unterstützungen der Gemeinde, durch laufende Spenden Privater sowie durch Legate und Stiftungen verstorbener Gemeindemitglieder erhalten und geleitet werden. Gründung und Erhaltung solcher Institutionen im Osten ist von ganz besonderer Wichtigkeit, da die große Masse der Ostjuden noch streng nach den Geboten der Tradition lebt, und es schon deswegen für sie unmöglich ist, von wohltätigen Einrichtungen nichtjüdischer Institutionen, wo auf jüdisch rituelle Bedürfnisse nicht Rücksicht genommen wird, Gebrauch zu machen. Thalmud Thorah, J'schibah, Waisenhäuser, Mikwah usw. haben ja in nichtjüdischen Anstalten nicht einmal eine Analogie. Alle diese jüdischen Institutionen sind in erster Reihe auf die Förderung Privater angewiesen. Die jüdischen Gemeinden sind niemals in der Lage, sie ganz aus ihren Einnahmen zu erhalten. Im Gegenteil: diese aus Privatgeldern gegründeten und erhaltenen Vereine waren ihrerseits stets das Fundament, auf dem das jüdische Gemeindeleben ruhte und ohne die es keinen Bestand haben könnte. Das ganze kulturelle, religiöse und soziale Leben der Galuthjuden ist auf diesem Boden gebaut. Synagoge, Beth ha Midrasch, Thalmud Thorah und J'schibah waren die großen Werkstätten, wo das jüdische Volk seinen wunderbaren geistigen Panzer schmiedete, der es in zweitausendjährigem, erbitterten Kampfe immer wieder gegen alle Angreifer geschützt hat. Und die jüdischen Spitäler, Waisenhäuser und Brautausstattungsaktionen haben den Armen vor frühzeitigem Tode, das Waisenkind vor Verelendung und Unbildung und das arme jüdische Mädchen vor Verzweiflung und moralischer Entgleisung bewahrt. Je höher das moralisch-religiöse Niveau einer jüdischen Gemeinde ist, desto mannigfacher und gegründeter sind ihre öffentlichen Institutionen. Sie werden, wie gesagt, wesentlich durch Vermächtnisse erhalten. Zwar werden auch bei freudigen Gelegenheiten des Lebens, wie z. B. aus Anlaß einer Hochzeit, Geburt, Bar Mizwah, die frommen und gemeinnützigen Institutionen mit Spenden bedacht. Spenden dieser Art sind jedoch meist bloß einmalig, und außerdem hängt ihre Menge und Höhe stets von den in der Gemeinde herrschenden sozialen Verhältnissen ab, die im Osten sehr wenig stabil sind. Sie erreichen überdies nie die Höhe der von Verstorbenen testierten Summen. Das liegt im Wesen der wirtschaftlichen Verhältnisse im Osten. Der Ostjude ist nie ein ruhig lebender Rentner und verfügt nur in den seltensten Fällen über ein ansehnliches Barvermögen. Erfüllt von steter Sorge um die Erhaltung, um Gegenwart und Zukunft seinei Familie, arbeitet er rastlos und unermüdlich bis an sein Lebensende. Bei den stets