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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 341

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1923-01-01
Page
341 (sequence 7)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 341 Bürger aus den niederen Ständen bemühen sich stets um einen eigenen Sitz in der Synagoge, weil sie dadurch im Laufe der Zeit in die bessere Gesellschaft aufrücken. Es werden mitunter für solche Sitze, und ganz besonders für einen solchen an der Ostwand, der sogenannten „Misrach stut", relativ sehr hohe Beträge bezahlt. Kinderlose Erblasser vermachen gewöhnlich ihren Sitz der Synagoge. Besitzt der Erblasser eine eigene Thorahrolle, dann wird diese zumeist, mitsamt den zu ihr gehörigen sogenannten heiligen (Silber-) Geräten (Kle kodesch), derjenigen Betstätte vermacht, wo der Erblasser oder die Erblasserin bei Lebzeiten zu beten pflegten. Am Griff der Thorahrolle wie an den dazu gehörigen Silbergeräten wird der Name des Spenders und sein Todestag zur ewigen Erinnerung eingegraben. Ein wertvolles Erbe bilden bei einem sehr frommen und gelehrten Manne die Th'fiiiin, in denen er bei Lebzeiten zu beten pflegte. Im Osten gab es besonders fromme und durch ihre ungewöhnlich gottergebene, sittlich reine Lebensart wie auch durch kabbalistische und talmudische Bildung berühmte „Sofrim", d. h. Berufsschreiber, die ausschließlich Thorahrollen, Th'fillin und Mesusoth unter speziellen kabbalistischen Beobachtungen, Vorbereitungen und in ekstatischer seelischer Konzentration anfertigten. Manche von ihnen pflegten ein rituelles Tauchbad zu nehmen und kabbalistische Vorbereitungen zur Selbstheiligung zu treffen, bevor sie es wagten die heiligen Buchstaben auf das Pergament zu bringen. Oft wurden solche Vorbereitungen vor jedem zu schreibenden Worte und insbesondere vor der Niederschrift des heiligen Tetragramms (des Namens Gottes) getroffen. Selbst bei der üblichen Selbstbereitung der Feder, der Tinte und des Pergamentes pflegten sie besondere kabbalistische Formen zu beobachten und hierfür bestimmte Sprüche herzusagen. Solche Sofrim haben stets eine weltfremde, asketische Lebensweise geführt, und ihr Name war weit und breit berühmt. Nicht jeder war ihnen würdig und fromm genug, um für ihn eine Thorahrolle oder Th'fillin anzufertigen. Da sie jedes Wort unter besonderen Vorbereitungen und Beobachtungen individuell schrieben, dauerte die Niederschrift eines Paars Th'fillin ziemlich lange und die einer Thorahrolle sogar mehrere Jahre, so daß diese Gegenstände dementsprechend teuer wurden. Man pflegte deswegen einem solchen Sofer für die Zeit, die solche heilige Arbeit in Anspruch nahm, den ganzen Lebensunterhalt zu geben, damit er sorgenlos und in voller Konzentration seine Aufgabe ausführen könne. Das konnte sich natürlich nur ein sehr bemittelter Bürger oder ein chassidischer Zaddik leisten. Noch heute kommt es im Osten vor, daß ein bemittelter Chassid vor der Bar Mizwah seines Sohnes einen besonders frommen und gewandten Sofer zu sich nach Hause nimmt, wo er in einem ihm zugewiesenem, abgesonderten Räume bei vollständig freier Station und guter Belohnung ungestört eine Thorahrolle oder Th'fillin schreibt. Solche Th'fillin vererben sich dann in der Familie wie ein teures unschätzbares Kleinod von Generation zu Generation. Trifft es sich, daß ein

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