Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 332 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Hans Kohn: der geistigen Werke und Werte nicht auseinanderfallen, wo der Geist ins Leben kommt. Das Wesentliche in einem jeden Juden ist sein jüdisches Erbe; eine wirkliche Assimilation ist daher unmöglich. Aber dieses innerlich Wesenhafte erscheint in seiner Reinheit gefährdet durch die das äußere Leben beherrschenden Formen. Es gilt, sich bewußt für das innere Wesen zu entscheiden, aus dem Objekt der Spannungsverhältnisse zwischen außen und innen, zwischen den unjüdischen Formen der Umwelt und der jüdischen Seele ein bewußt wählendes und entscheidendes Subjekt zu werden. Aus dieser persönlichen Entscheidung aber entsteht dann die Sehnsucht, in einer Gemeinschaft zu leben, wo auch die äußeren Formen — Land, Sprache, Sitte — mit dem inneren Wesen übereinstimmen, wo die Spannung sich harmonisch löst* Diese Erneuerung des Judentums ist nicht nur von persönlicher Bedeutung, nicht nur von volkhafter, da sie den jüdischen Geistesprozeß wieder in Klarheit hervortreten lassen wird, sondern, wie schon Heß gesehen hat, auch von menschheitlicher. Buber hat die Empfindung, an einer Weltenwende zu stehen, in einer Zeit, wo ein neues Weltgefühl zu keimen beginnt, das in den Menschen eines kommenden Geschlechtes aufblühen wird. In uns lebt dieses, heute noch unaussprechliche, menschliche Weltgefühl ebenso wie in den anderen. „Die Gestaltung dieses Weltgefühls und die Erneuerung des Judentums sind zwei Seiten eines Vorganges. ,Denn das Heil kommt von den Juden*: die Grundtendenzen des Judentums sind die Elemente, aus denen immer wieder ein neues Weltenwort sich aufbaut. Und so meinen und wollen unserer Seele tiefstes Menschentum und unserer Seele tiefstes Judentum dasselbe." So lehrt Buber den Zionismus als die tiefste persönliche und menschliche Aufgabe eines jeden einzelnen verstehen. Der jüdische Nationalismus hat hier nicht mehr die Selbstverständlichkeit, die er bei Pinsker und Herzl hatte; er ist fragwürdiger geworden: er weiß sich im Übergange, von den Winden einer neuen Zeit gestreift, die Sehnsucht nach einem neuen Glauben trägt ihn. „Zugleich wird eine bewußt ethische Verankerung des Nationalismus gesucht, man hebt ihn aus seiner Enge in weltweites Licht, man sucht ihn aus der Verstrickung in das Reich des Seins in die moralische Ebene des Sollens zu verlegen, man leiht ihm messianische Farben/' Der aus seelischer Not hier geborene jüdische Nationalismus findet als Glied der Welterlösung seine Berechtigung. Unsere Aufgabe ist es daher, nicht nur in unbewußter Zufälligkeit Juden zu sein, sondern unser Judentum in bewußte Klarheit zu heben. Bubers tiefgründige Untersuchungen über das jüdische Wesen, die, unvergleichlich mit allem bisher auf diesem Gebiete Geleisteten, die Dynamik der jüdischen Geschichte und des individuellen jüdischen Lebens aufgehellt haben, seine Aufdeckung der Zusammenhänge dieser Dynamik mit dem Orient, mit dem religiösen Leben, mit unserer Aufgabe in der Gegenwart, haben eine junge Generation, die sich innerlich vom Judentum bereits abzuwenden glaubte, ihre eingeborene Richtung wieder finden lassen.