Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 330 (sequence 10)
- Language
- German
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330 Hans Kohn: Erziehung einer wahrhaft neuen Generation" (Martin Buber, 1900). Politischen Ausdruck fand sie in der kulturdemokratischen Fraktion am fünften Zionistenkongreß (1901), literarischen Ausdruck in der bald darauf erfolgten Gründung des Jüdischen Verlages durch Berthold Feiwel und Martin Buber. Aber die Begründer waren nicht nur „Achad Haamisten", sie waren auch Söhne der Aufklärung und standen als solche den Jungen in ihrem Kampfe gegen Achad Haam nahe. ,,Für diese Generation ist das Judentum nichts Gewesenes und Abgeschlossenes und nichts in starre Formen Gebanntes, sondern das lebendige Volkstum in seiner ganzen Weite und Tiefe, in seiner Vielfältigkeit, in allen seinen Formen und Kundgebungen." (Programm einer 1903 von Feiwel, Buber und Weizmann geplanten Zeitschrift „Der Jude".) Aber das Judentum ist inhaltlich bestimmt. „Es soll versucht werden, die Bestimmung des Volkes aufzuzeigen und aus der Erkenntnis heraus seinen Zukunftswillen zu entfachen." Nicht weniger steht diese Bewegung unter dem Einflüsse des Geisteslebens Europas. Sie macht dessen Wendung zu der Philosophie des deutschen Idealismus, dessen Interesse für das religiöse Leben der Primitiven und des Orients und dessen Sehnsucht nach einer neuen sozialen Ordnung mit. Für sie ist die Wiedergeburt des jüdischen Volkes zugleich die Form, „in der dieses Volk an einer großen Kulturbewegung der heutigen Menschheit teilnimmt" (Bubers Referat auf dem fünften Zionistenkongreß). Die jüdische Renaissance kann ihr „nur im Zusammenhange mit den die moderne Gesellschaft und das moderne Völkerleben bewegenden Ideen verstanden werden". Das Studium des Chassidismus führte Buber1) von diesen Ausgangspunkten weiter. Er gab der westlichen Judenheit und der allgemeinen Kulturwelt die erste Kunde von diesem religiösen Leben, das aus traditionsjüdischen Quellen gespeist, die menschliche Unmittelbarkeit des Herzens befreit, das die Finsternis mit freudiger Zuversicht erfüllt, das den Wert der Persönlichkeit erhöht hat, und das noch in seiner Verzerrung bis in die Gegenwart das Bild einer Gemeinschaft trägt, in der sich der einzelne vor dem Führer nicht durch Zwang und durch Macht, sondern durch Erkenntnis und Liebe beugt. Buber rang nicht nur darum, den reinen Kern der chassidischen Lehre unverhüllt immer klarer leuchten zu lassen, durch seine Botschaft wurde der Chassidismus auch eine wirkende Macht. Die einsame Voraussage des Moses Heß schien erfüllt. Wie in Heß selbst, vereinigen sich auch x) Bubers zionistische Arbeiten sind zusammengefaßt in „Die jüdische Bewegung", 2 Bände (Jüdischer Verlag, Berlin 1916 und 1920); „Vom Geist des Judentums" (Kurt Wolff, Leipzig 1916) und „Reden über das Judentum, Gesamtausgabe" (Rütten & Loening, Frankfurt a. M. 1923). Von seinem chassidischen Werk sind bisher drei Bände erschienen, die „Geschichte des Rabbi Nachman", die „Legende des Baal Schern" und „Der große Maggid und seine Nachfolge" (sämtlich Rütten & Loening). Sonst wäre noch hinzuweisen auf das Nachwort zu den Gleichnissen des Tschuang Tse, auf „Daniel, Gespräche von der Verwirklichung" und auf das große im Entstehen begriffene Werk über religiöses Leben und Lehre, von dem bis jetzt der Einleitungsband „Ich und Du" erschienen ist (sämtlich Inselverlag). Über Buber siehe Adolf Böhm, a. a. 0., Gustav Landauer in seinem „Der werdende Mensch" (Kiepenheuer, Potsdam) und A. Paquet in „Die Juden in der deutschen Literatur" (Weltverlag, Berjin 1922).