Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 329 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der zionistischen Ideologie 329 er Achad Haams Gedanken vom national-kulturellen Zentrum. Aber auch Achad Haam ist ihm zu mechanisch, seine gebundene Marschroute zu unlebendig; er wendet sich von der mechanistisch-territorialen Lösung der Judenfrage ab. Auch die Diaspora ist eine jüdische Entwicklung innerhalb der großen menschlichen Entwicklung. Hier ist Leben, hier sind Kulturmöglichkeiten. „Man darf dem jüdischen Volke auch nicht eine einzige von den vielen Kulturmöglichkeiten, deren es nach- und nebeneinander fähig ist, absprechen." Der Zionismus will doktrinärerweise reiches jüdisches Leben töten, der jiddischen Sprache, in die so viele Generationen ihre Leiden und ihre Hoffnungen gegossen haben, ihren Wert absprechen, das reale jüdische Leben der Massen verwerfen. Im Ostjudentum haben wir wahres, urgewachsenes jüdisches Leben vor uns; der Hebraismus in Zion ist eine blutleere Ideologie. Die Nationalität ist für Birnbaum ein kulturelles, ein geistiges Prinzip, das nicht der mechanischen Bindung an ein Territorium bedarf. Die vom Mechanisch-Räumlichen losgelöste Diasporanationalität ist nicht etwas Abnormales, sondern eine neue Art zukünftiger Menschheitskultur. Das Entscheidende ist die kulturelle Energie eines Volkes, seine Festigkeit in der plastischen Durchsetzung seines Wesens. Jüdisches Wesen kann sich in verschiedenen Formen erfüllen: in einem kulturellen Zentrum in Palästina, ebenso wie in dem Leben der jüdischen Massen in der Diaspora. Birnbaums Judentum treibt zur Differenzierung. Durch seine Bejahung des Lebens der jüdischen Diasporamassen hatte er sich immer mehr mit dem religiösen Problem beschäftigt, bis ihm die elementare innere religiöse Erfahrung zuteil wurde. Auch hier geht er bis zur äußersten Konsequenz: er dient mit seiner ganzen Persönlichkeit Gott. Es gilt, sich auf das Kommen des Messias durch Heiligkeit des Lebens vorzubereiten. „Wir allein haben unsere kleine Gemeinschaft für Gott und nicht für unseren beschränkten Machtnutzen eingerichtet/' Für das Judentum ist das Gesetz der „Ausdruck des göttlichen Befehls, seinen Leidens- und Ehrenweg durch das Gedränge der Völker bis ans Ziel der Menschheitsdämmerung zu gehen.'4 Das Judentum hat „seine Gesetzeszucht als die Voraussetzung religiöser Entfaltung von Millionen Einzelseelen an sich erlebt, vermöge seiner Disziplin seine Anlagen zu Tugenden verdichtet, die seine Laster überstrahlen." So ist Birnbaum nach einem langen Wege, auf dem er alle Stadien der modernen jüdischen Ideologie durchlaufen zu haben scheint, bei der Glut des religiösen Lebens angelangt, die seit zweitausend Jahren seinem Volke zur Heimat geworden ist. In ihm rundet sich der Kreis, der das Pathos revolutionärer Jugend in altererbte Heiligtümer einmünden läßt. V. Kehrte Nathan Birnbaum zu den Quellen ostjüdischen Volkslebens zurück, so schöpfte eine andere Bewegung aus der ostjüdischen Religiosität, wie sie zuletzt im Chassidismus ihren Ausdruck gefunden hatte, belebende Förderung. In ihren Anfängen war diese Bewegung von Achad Haam beeinflußt; es ging ihr um „die Umgestaltung des Volkslebens, um die