Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 328 (sequence 8)
- Language
- German
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328 Hans Kohn Vertrauen in die emanzipierende Tätigkeit der anderen. Wie schon Pinsker vor ihm, forderte er die Autoemanzipation, die organisierte Selbsthilfe. Das Ghetto, das die Zeit der inneren Selbstachtung und der geistigen Selbsterhöhung bei äußerlicher Demut war, überwand er durch den Staatsgedanken, den Gedanken der Abschüttelung aller äußeren Niedrigkeit und der äußerlichen Werterhöhung. Seine Worte waren gerade für das jüdische Volk von unüberschätzbarer erzieherischei Bedeutung: sie bereicherten nicht den jüdischen Wesensinhalt, aber sie weckten und stärkten den nationalen Instinkt, den Willen zur Verwurzelung, den Willen zur Form, den Willen zur konkreten Tat. Die Grundgedanken Herzls, die sich in ihrer Einstellung vielfach mit den Jungen in ihrem Kampfe gegen Achad Haam berühren, fanden eine logisch geschlossene und gedanklich vertiefte Durchführung in dem Buche Jakob Klatzkins *) Probleme des modernen Judentums". Klatzkin wendet sich gegen die Bestimmung des Jüdischseins durch inhaltliche Ideenelemente, die ihrem Wesen nach notwendig allgemein menschlich sind; nur die Form vermag ein nationales Differenzierungsmoment zu bilden, und als solche Form erscheinen Klatzkin Land und Sprache. Daher kann nur ein jüdisches Volk in Palästina und in hebräischer Sprache eine gesonderte Weiterexistenz führen, die Assimilierung der Diaspora-Judenheit ist unvermeidlich. Das einzig Erhaltende in der Diaspora war die Nationalreligion, vor allem das unser tägliches Leben regelnde Gesetz, das eine Gestaltung des Judentums schufi Mit dem Verfall des Gesetzes verfällt auch die jüdische Gestalt, die nationale Gebundenheit. Gestaltlos aber kann ein Volk nicht leben. Nur das religiöse Ostjudentum führt noch ein nationales jüdisches Leben. Aber das religiöse Band schwindet. So gibt es auch für Klatzkin nur das Entweder — Oder: Jude in Palästina, Nichtjude in der Diaspora. IV. Eine einsame Gestalt, die durch die neujüdische Ideologie der letzten Zeit hindurchging, sie in allen ihren Wandlungen vorausnehmend und befruchtend, ist Nathan Birnbaum2), der sich Mathias Acher nannte. Ein Feuergeist von unbändiger Lebenskraft, die stets nach tieferer Wahrheit, nach hellerer Klarheit, nach größerer Freiheit ringt. Ein Fanatiker, der keine Kompromisse kennt und jeder Idee mit seinem ungeteilten Ich dient. Aber kaum hat er sich mit vollem Enthusiasmus irgendwo angeschlossen, da wird ihm der Anschluß Anlaß zu neuer Kritik, Anstoß zum Abfall. Vor Herzl bereits verkündet er den nationalen Staatsgedanken, doch wendet er sich allsogleich von der rein diplomatischen Tätigkeit ab, der praktischen Palästinaarbeit zu, und als einer der ersten Westjuden folgt J) Jakob Klatzkin „Probleme des modernen Judentums", Berlin, Jüdischer Verlag 1918; Neuauflage unter dem Titel „Krisis und Entscheidung*ebenda 1921. 2) Nathan Birnbaums „Ausgewählte Schriften zur jüdischen Frage" (Czernowitz 191 o); aus späterer Zeit „Gottes Volk" (R. Löwit, Wien 1918) und „Um die Ewigkeit" (Weltverlag, Berlin 1920). Über Birnbaum siehe Leo Hermann „Nathan Birnbaum, sein Werk und seine Wandlungen" (Jüdischer Verlag, 1914). Adolf Böhm', „Die zionistische Bewegung" II. Teil (Weltverlag, Berlin 1921). >