Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 327 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101196-3108209--6119-3108229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zur Geschichte der zionistischen Ideologie 327 An das Problem des jüdischen Volkes kam Herzl von der ästhetischsentimentalen Seite. Der europäische Aritisemitismus, den er erlebte, verletzte tief sein Gefühl der menschlichen Würde. Die Judenfrage war für ihn eine Frage der äußeren Geltung; soweit es eine persönliche Frage war, war es keine jüdische, sondern eine rein menschliche des Charakters und jener Selbstachtung, die den allgemeinen Normmaßstäben der europäischen Gesellschaft des XIX. Jahrhunderts entsprachen. Die Judenfrage ist für Herzl eine von außen verursachte Frage: „Wir sind ein Volk — der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu." Aber der Antisemitismus selber ist nichts Zufälliges, sondern eine notwendige Folge unserer Lage, eine unvermeidliche, sozial-ökonomische Erscheinung. Die Judennot ist daher ebenfalls nichts Zufälliges: der einzelne mag ihr durch Assimilation entrinnen, die Gesamtheit kann es nicht. Reibungen, Konkurrenz und Anfeindung sind für Herzl normalnotwendige Grenzerscheinungen jedes Volkes; nur für das jüdische Volk werden sie so verhängnisvoll, weil sie bei ihm ins Abnormale gesteigert sind. Das jüdische Volk, als solches durch gesellschaftliche Prozesse zusammengehalten, ist nur ein Volksfragment; die einzige Möglichkeit der Rettung ist die Schaffung normaler Bedingungen des Volkslebens, d. h. die Schaffung eines Staates. Auch hier ist Herzl von den Ideen gelenkt, die das Europa des XIX. Jahrhunderts beherrschen, von der Idee des Nationalstaates. Der Zionismus erscheint hier als der letzte Sproß an dem Baume der nationalen Unabhängigkeitskämpfe. Gerade weil Herzl diese Erkenntnis (die. schon Pinsker in die prägnanten Worte: „Unser Vaterland — die Fremde, unsere Einheit — die Zerstreuung, unsere Solidarität — die allgemeine Anfeindung, unsere Waffe — die Demut, unsere Wehrkraft—die Flucht, unsere Originalität—die Anpassung, unsere Zukunft—der nächsteTag" zusammengefaßt hatte), nicht aus seiner jüdischen Wesenssubstanz gewann, sondern aus einer glücklichen Intui ti on, erfaßte sie ihn mit um so unheimlicherer Kraft, wirkte sie um so stärker hinaus. Er hatte ein ähnliches Gefühl wie Heß: die Erlösung steht unmittelbar bevor; daher konnte es für ihn nicht, wie für Achad Haam, eine langsame Vorbereitungs¬ und Erziehungsarbeit geben. Aus seinem rein formalen Nationalgedanken heraus mußte ihm die formell scheinbar unvollständige nationale Weiterexistenz in der Diaspora unmöglich erscheinen. Nur das jüdische Staatswesen in Palästina wird die jüdische Nation weiter erhalten; die Überreste in der Diaspora werden sich assimilieren. Aber gerade aus dieser rein formalen Ansicht heraus besaß er die Distanz und die Möglichkeit, der formlosen jüdischen Existenz eine Form zu geben. Seine männliche Führerpersönlichkeit überwand aus europäischen Antrieben das Erbe der Galuth und der Aufklärung: das wundergläubige Harren auf höchste Hilfe, das kücher", im Jüdischen Verlage, Berlin. Herzlbiographien von A. Friedemann, Leon Kellner, und in französischer Sprache von Baruch Hagani. Siehe noch Adolf Böhm „Die Zionistische Bewegung", 1. Teil, Weltverlag, Berlin 1920; Martin Buber „Die jüdische Bewegung", x- Band, Jüdischer Verlag 1916, und Robert Weltsch „Herzl und wir" irn Sammelbuch i»Vom Judentum". .