Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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322 Hans Kohn: herzige Unduldsamkeit traditioneller Gelehrsamkeit. Aufklärung und Chassidismus bewirken nicht nur einen Wandel in der äußeren Gestalt des jüdischen Volkes, sondern auch eine innere Neuorientierung. Aufklärung und Chassidismus mochten sich in der Folgezeit noch so sehr von ihrem ursprünglichen läuternden und befreienden Wesen entfernt haben (die erste Bewegung versandete in der Engbrüstigkeit der bürgerlichen Assimilation, die andere fiel auch ihrerseits der traditionellen Macht des Ghettos zum Opfer); durch ihre Anfänge hatten sie im Judentum eine Umstellung und Neuwerdung hervorgebracht. In ihnen beiden lebten ferne, in die palästinensische Zeit zurückgreifende Kräfte des jüdischen Volkes wieder auf; nicht" umsonst berief sich die Aufklärung auf die Propheten, nicht zufällig ist Mapus Ahawath Zion eine Frucht der Haskalah. Aufklärung und Chassidismus waren die zwei lebendigen Ströme, die das Judentum des XIX. Jahrhunderts durchliefen; ihrer beider Kind ist der Zionismus in seiner neuen Gestalt. Alles menschliche Denken ist miteinander verbunden. Von dem Denken des jüdischen Volkes führten stets viele Verbindungslinien in die Weite der Welt. Babylonische, parsische, hellenische, arabische, mittelalterliche und Renaissance-Ideologien fanden ihren Eingang in das Judentum, selbst in Zeiten seiner scheinbar strengsten Abschließung. Immer waren jüdische Denker, von den Verfassern der ältesten Legenden der Bibel und den Vätern der Mischnah über Maimonides und Spinoza bis zu Hermann Cohen von fremden Gedankengängen angeregt, immer beeinflußten auch sie ihrerseits die Ideologien der Völker. Wir werden daher auch bei den Theoretikern des Zionismus immer wieder auf Anregungen scheinbar fremder Gedankengänge stoßen: entscheidend ist nur, wie weit ihre Gedanken den wesentlichen Traditionen unseres Volkes entsprechen, wie weit sie ihrerseits geeignet sind, befruchtend und neuschaffend im alten Geiste zu wirken. Dadurch, daß er in sich die fruchtbaren Anregungen der Aufklärung und des Chassidismus vereinigt und durch ihre Verarbeitung die theoretische Begründung des Zionismus in seiner neuen Gestalt in Anspruch nahm, wird Moses Heß x) einer künftigen Geschichtsschreibung wohl als die zentrale Figur des Judentums im XIX. Jahrhundert erscheinen. In seinem Büchlein „Rom und Jerusalem" geht er, der noch in der jüdischen Tradition aufgewachsen war, auf uraltes, wesenhaft jüdisches Gedankengut zurück; deshalb konnten seme Gedanken so befruchtend wirken, daß wir fast alle späteren ideologischen Ideengänge des Zionismus bereits in ihm angedeutet zu finden glauben. Er versteht es, die jüdische Tradition mit den philosophischen Einflüssen, die er von seiner Umgebung erhält, zu verbinden,; er vermag vor allem, sein jüdisches Zukunftsbild in *) „Rom und Jerusalem" erschien 1862. Eine Biographie Moses Hessens erschien von Theodor Zlocisti im Weltverlage, Berlin 1921. Ebendort erschienen auch die sozialistischen Schriften von Moses Heß, seine „Jüdischen Schriften" erschienen im Verlag von Louis Lamm, Berlin 1909. Eine englische Übersetzung von M. Waxmann erschien New York 1918.