Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 6 · p. 321

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 6
Article
Zur Geschichte der zionistischen Ideologie
Date
1923-01-01
Page
321 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101196-3108209--6113-3108223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

HANS KOHN/ZUR GESCHICHTE DER ZIONISTISCHEN IDEOLOGIE1) I. Bis in das XVIII. Jahrhundert behielt das jüdische Volk in Europa eine einheitliche, durch Jahrhunderte alte Traditionen geregelte, in sich selbst sicher ruhende Form des Lebens. Um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts beginnt eine Lockerung des Gef üges, ein Gestaltwandel nicht nur der äußeren Erscheinung dieses seit so langer Zeit anscheinend starren Volkes, sondern auch der es beherrschenden Ideen. Die große Bewegung um Sabbatai Zwi, die als sehnsüchtiges Verlangen, der gewordenen Volksgestalt sich zu entledigen und eine neue, freudigere und reinere Zukunft zu bauen, jahrzehntelang nachwirkte, kündete von den glühenden Kräften, die unter der scheinbar starren Hülle lebten. Die Lockerung des Gefüges begann an zwei entgegengesetzten Stellen, durch zwei Bewegungen, die auf den ersten Blick hin nicht nur ohne jeden Zusammenhang und ohne jede gegenseitige Beziehung, sondern auch in ihrem sozialen Charakter und in den sie beherrschenden Ideen völlig entgegengesetzten Motiven zu entspringen scheinen. Dennoch stellen diese beiden Bewegungen, wenn auch mit entgegengesetzten Vorzeichen, Teilansichten einer und derselben Revolution dar, die eine neue Epoche der jüdischen Geschichte einleitet und eine Absage an den bestehenden Zustand des Ghettos bedeutet. Beide Bewegungen entspringen in völlig verschiedenen örtlichen Verhältnissen: die Aufklärung setzt in den Großstädten ein, die langsam durch die fortschreitende Industrialisierung zu Weltstädten heranzuwachsen beginnen; der Chassidismus entspringt in der weltentlegenen Abgeschiedenheit karpathischer Dörfer: beide sind ein Protest gegen die jüdische Kleinstadt, gegen die räumliche Enge des Ghettos. Die Aufklärung wird getragen von dem sich bildenden Großbürgertum, dessen kapitalistische Wirtschaftsordnung zur Auflösung bestehender Gebilde drängt; der Chassidismus findet seine Anhänger in den ärmsten Schichten des Volkes: beide sind ein Protest gegen <üe Herrschaft der kleinbürgerlichen Gemeindegewaltigen. Die Aufklärung will die Überwindung des starren Traditionalismus durch den Anschluß an die großen, lebendigen, die Menschheit damals erschütternden Ideen; der Chassidismus wendet sich an die Unmittelbarkeit des Herzens, das keiner logischen Schulung bedarf, um Gott seinen freudigen Dank für die Schönheit dieser Welt darzubringen: beide sind ein Protest gegen die eng- *) Der Verfasser stellt uns diesen Vorabdruck aus dem von Gerhard Holdheim heraus~ Segebenen, demnächst erscheinenden „Handbuch des Zionismus'* zur Verfügung. Heft 6. 21

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.