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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 319

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem einer jüdischen Musik
Date
1923-01-01
Page
319 (sequence 11)
Language
German
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Umschau: Musik nelle Meldung, daß Raoul Ginsburg in einer Synagoge zu Kowno eine Originalnotenschrift zum „Hohen Lied" gefunden habe. Dieser „Mischcharakter der Tonarten" ist aber gerade auch das, was in,der jüdischen Musik der Diaspora so besonders auffällt. Mahler z. B. — um immer bei dem einen konkreten Beispiel zu bleiben — gibt uns gleich in der I. Sinfonie ein Quartenmotiv als Ursymbol, das er aus sich entfaltet, im Gegensatz zu dem üblichen Dreiklang. Von da aus geht ein zwar wechselnder, aber sicherer Weg zur Pentatonik des „Lieds von der Erde", die durchaus nicht archaisierendes Mittel unter seinen Händen bleibt, sondern mit immanenter Notwendigkeit zu der eigenen Welt Mahlers auswächst. Das „Lied von der Erde" ist echtester und tiefster Orient! Im übrigen kann man den anderen Charakteren, die Nadel aufstellt — mutatis mutandis — zustimmen. Daß die Melodik zu den Hauptcharakteren zählt, habe ich selbst überall in erster Linie betont und daraus den orientalischen Charakter erklärt, im Gegensatz zur Harmonie, die mit dem okzidentalen Rationalismus im innigsten Zusammenhang steht. Den Ausdruck „melodisch-diatonisch", den Nadel verwendet, halte ich aber deshalb für verfehlt, weil mit Diatonik notwendig der Charakter der Dur- und Moll- Skalen in Verbindung mit der Chromatik vorgestellt wird. Nadel hat ja selbst den Mischcharakter der Tonarten in der jüdischen Musik betont, also sind gerade die Melodien unabhängig von der Diatonik entstanden und lassen sich auch meist nicht aus ihr heraus erklären. Prinzipiell nichts einzuwenden ist gegen die Bezeichnung der jüdischen Musik als rezitativ und parallelistisch. Auch ich glaube, daß dies zwei wesentliche Merkmale der orientalischen Musik sind, aber im Rezitativ und im Kanon, die beide von den jüdischen Komponisten gerne verwendet werden, haben wir durchaus Äquivalente, wenn auch vielfach durch europäische Degenereszenz hindurchgegangene und abgeschwächte. Mit Entschiedenheit hat Schönberg wieder diese beiden Charaktere aufgenommen. VI. Zum Schlüsse noch ein paar Gedanken zum Thema: Reproduktion. Nadel ^eint: „Reproduktiv sind die Juden, weil sie eben in fremden Ländern auf eigenste Weise nicht produktiv sein können." Er ^eist also das reproduktive Phänomen von vorneherein von der Hand. Dazu liegt aber, besonders in der Musik, gar keine Berechtigung vor. Der reproduzierende Musiker steht in einem durchaus schöpferischen Verhältnis zum Werk. Er übernimmt es inhaltlich, nicht formal. Er schafft die Musik nach. Deshalb entscheidet bei ihm einzig der Grad der Leidenschaft und Hingabe. Alle Völker mit leidenschaftlichem Temperament und mit Rasse haben mehr reproduktive Musiker hervorgebracht als produktive. So z. B. die Zigeuner, die Italiener, die Juden. Also ist es offenbar ganz falsch, aus dem Grad der .Reproduktivität in umgekehrtem Verhältnis auf den Grad der schöpferischen Kraft zu schließen. Dies leuchtet im weiteren Sinne durchaus ein. In meinem noch unveröffentlichten Buch „Das Judentum in der Musik" habe ich den zweifelhaften Streit zwischen Reproduktion und Produktion unter anderem so zu lösen versucht j „Die Psychologie des Reproduktiven müßte einmal ihren Ausgangspunkt vom Vitalen nehmen, nicht vom geformten Werk: In jedem großen Werk ist ein der Reproduktivität adäquates Moment: und das ist die eigentliche Schöpferischkeit. Zu ihr und nur zu ihr sucht der reproduzierende Mensch inneren Konnex. Er ist also der eigentliche Aufspürer des ihm einzig Verwandten. Die Form ist ihm genau so zufälliges Korrelat, wie sie es für den eigentlichen* Schöpfer war. Also ist das Schöpferische gewissermaßen die Antizipation des , Reproduktiven', das Reproduktive die sich immer erneuernde Erschaffung der produzierten Form". Gewiß wird der Boden Palästinas vermutlich die „produktiven", die „plastischen", die „männlichen" Kräfte wecken. Aber kommt es nur darauf an? Kommt es vielmehr nicht vor allen Dingen darauf an, daß der Geist der Väter in denen allen wieder lebendig werde, die nach Hause zurückgehen werden. Wenn der Boden Palästinas die Kraft der Form zu wecken imstande sein wird — und es liegt kein Grund vor, daran irgendwie zu zweifeln — so werden auch diese Formen nicht so sehr die des bildenden Geistes sein, als vielmehr die des religiös erlebenden Geistes. Diese Eigenschaft wird bleiben, und nur mit ihr wird die Spezifität und Exzeptionalität des Judentums bleiben. Denn vergessen wir nicht, daß die religionsschaffende Substanz des Judentums im wesentlichen seine Prämisse in dieser formlosen Disposition seiner Seele hat. Man kann nun physiologisch denken, wie das vorige

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