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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 317

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem einer jüdischen Musik
Date
1923-01-01
Page
317 (sequence 9)
Language
German
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Umschau: Musik 317 findung sei, aber er sträubt sich vor den Gleichungen: Lyrik Melodik; Epik Harmonik. Zu meinem Satz: „Der Jude ist kein Epiker, er ist Lyriker. Die Bibel, seine größte epische Leistung, ist lyrisch. Darum ist sein Weltgefühl ein ausgeprägter L y r i s - mus. Lyrismus aber — das ist Melodik" sagt Nadel: „Die Bibel ist nicht zuerst Lyrik, sie ist zuerst: Plastik und Epik. Wie hätte sich sonst die ganze europäische bildende Kunst an ihr entzünden können!" Was ich hier wohl am treffendsten entgegenhalten kann, das ist Martin Bubers Psychologie des jüdischen Geistes: vor allen Dingen seine erschöpfende Polarifikation des Sensorischen und Motorischen, des Bildenden und Bewegenden, des Augenmenschen und des Ohrenmenschen und schließlich seine Feststellung, daß die Epitheta der Bibel im Gegensatz zu den homerischen nicht bildhaft, sondern bewegt sind. Das ist es ja eben: daß die Geschichte, die an sich immer etwas Episch-Plastisches hat, hier in der Bibel mit ganz anderen Mitteln geschrieben ist als bei Homer oder selbst im indischen Epos. Nadel geht von dem Gesichtspunkt aus, daß Geschichte notwendig Epik ist, während das Einmalige an der Bibel gerade das ist, daß hier ein an sich epischer Stoff mit einer so Ungeheuern Intensität an Lyrismus geschrieben ist. Insofern ist die Entzündung der europäischen Kunst an der Bibel durchaus nicht von ihrem plastischen Wert aus zu verstehen, sondern von ihrem dynamischen, musikalischen, ist doch gerade Entzündung nicht bildhaft, sondern im Buberschen Sinne motorisch. Aber auch selbst wenn wir zur bildenden Kunst gehen, darf nicht übersehen werden, daß es in ihr die gleichen Gegenpole gibt. Der moderne Expressionismus hat die Musikalität für die bildende Kunst zurückerobert; und wenn wir sehen, daß geraiie seine hervorragendsten Führer Juden sind — Kandinski, Picasso, Chagall, Segall, Pechstein u. a. —, so zweifeln wir nicht daran, daß der plastische Sinn des Juden nur innerhalb der Grenzen seiner Musikalität möglich ist. Das ist eben seine Einzigartigkeit. Auch Buber glaubt an eine jüdische bildende Kunst, auch *ch glaube daran, aber nur soweit sie „geborene Musik" sein wird, um auch hier einen Ausspruch Goethes zu gebrauchen. Auge und Ohr sind äußerlich besehen nur zwei physiologische Apparate, aber das Auge hat genau so gut für die Seele akustische Funktion, wie das Ohr optische Fähigkeiten hat. Insofern scheint mir eben die Anlage des Juden die bei weitem glücklichste zu sein. Er wird einmal in Palästina bauen und bilden, aber sein Auge wird nie seine seelisch-akustischen Fähigkeiten verlieren, weil seine Natur im tiefsten Grunde eine unbedingt lyrische, eine unbedingt musikalische ist. — Aber auch in der Musik möchte ich den Lyrismus des Juden an dem Beispiel Mahlers verdeutlichen. IV. Zwei ungeheuere Spannungen bestehen in Mahlers Natur: extreme Geistigkeit und extreme Kindlichkeit. Der eine Pol suchte seine Entladung in der Sinfonie, der andere im Lied. Denn Sinfonie und Lied sind die beiden Produkte stärkster Abstraktion und stärkster Sinnlichkeit. Dämonisch ist der Kampf, mit dem Mahler die beiden Pole ineinanderfügt, mit dem er um eine Synthese ringt. Das harmonische Gerüst des Sonatenschemas, das die Sinfonie bis Beethoven bestimmt, dient Mahler nur zum strukturellen Ausgang seiner sinfonischen Anlage. Der L y r i k e r Mahler kommt aus anderen Provinzen, er ist singulärstes Element in ihm und er durchblutet die erstarrte Abstraktion des sinfonischen Innenbaues mit der pulsierenden Kraft des Liedes. Aber er will die Sinfonie. Denn sie ist ihm der geistzeugende Kosmos, der die subjektive Sprache des Liedes überwölbt zur absoluten Weltsprache, der über alle persönlichen Empfindungen hinaus redet zum Gesamtmenschlichen..* Und er schafft die Sinfonie des Finales, der triumphalen Emporläuterung alles Partikulär-Menschlichen zum Universalen. In den Finales Mahlers ballt sich die Lyrik seiner Herzenssprache zu einem Manifest der ewigen Liebe. Nur darum fühlt er in sich den Beruf des Sinfonikers: weil er durch die Sinfonie eindringlicher und kosmischer das Lied der ewigen Liebe verkünden kann, das er im Grunde seines Herzens trägt. Damit hat Mahler aber die Abstraktion der Beethovenschen Sinfonie überwunden. Nicht nur, daß das strukturelle Innenelement hinfällig wird, daß es nur noch Scheindasein führt zwischen der tragenden melodischen Macht, nein, der sinfonische Typus wird ein anderer: an die Stelle der strukturellen Sinfonie tritt die lyrische Sinfonie. Damit hat Mahler das sinfonische Problem zum Austrag gebracht, ungleich machtvoller und tiefer als Bruckner, der nicht darum zu ringen brauchte. In der lyrischen Sinfonie

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