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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 315

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem einer jüdischen Musik
Date
1923-01-01
Page
315 (sequence 7)
Language
German
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Umschau: Musik 315 einer „jüdischen Musik*' im weiteren Sinne, die ich im Heft 8 des vorigen Jahrgangs ausgesprochen habe. Da ein sonst guter Kenner jüdischer Melodien hier noch die Frage nach einer jüdischen Musik der Diaspora aufwirft, möchte ich die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, noch einmal — und, wie ich hoffe» zum letzten Mal — die an sich banalerweise nicht mehr zu stellende Frage zu behandeln, umso mehr, als es hier wirklich um eine überpersönliche Anschauung geht. Arno Nadel sagt zunächst: „Es gibt eine alte deutsche Musik, eine jüngere und eine neue deutsche Musik, es gibt eine ausgeprägte ältere italienische und eine ebenso neue und neueste italienische Musik — aber^ es - gibt nur eine einzige jüdische Musik, die wir kennen und die klar faßbar ist: das ist die synagogale Musik." Nadel bestreitet damit also grundsätzlich die Möglichkeit, die jüdischen Komponisten des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart durch irgendwelche .tiefere psychologische Affinitäten zu erkennen und demgemäß aus dem Organismus der Diaspora herauszulösen. Er gibt zwar weiterhin zu, daß es auch eine weltliche Musik gebe: das jüdische Volkslied und die religiöse Hausmusik — aber das kommt hier gar nicht in Frage, denn wichtig ist, daß ein Meyerbeer französische Musik, ein Rubinstein russische Musik, ein Mahler deutsche Musik, ein Ernest Bloch amerikanische Musik geschaffen haben, daß es kein einigendes Band g;ebe, das diese Komponisten zu jüdischen macht. Um das Resultat dieser Untersuchung gleich vorweg zu nehmen: wenn es nicht eine profan jüdische Musik seit rund hundert Jahren gäbe, so müßteich für meine Person überhaupt bezweifeln, ob eine Wiedergeburt des Judentums möglich wäre. Weil Musik eben mehr wt als bloße Kunst: nämlich Essenz, die eine ungeheuere Möglichkeit einer beginnenden Kultur und insofern erst recht der bereits begonnenen jüdischen Wiedergeburt. Ein Volk ohne immanente Musikalität schafft keine Bewegung, und daß eine »Jüdische Bewegung" möglich war innerhalb der paradoxalen Position des Diaspora- Judentums, das beweist, daß das Problem der Form nicht im entferntesten primär ist, vielmehr so sekundär, daß eine jüdische Renaissance im allerschlimmsten Falle auch innerhalb der Diaspora zum Austrag gekommen wäre, bezw. kommen würde, wenn nicht die höhere Erfüllung auf Zion leuchtete. s lst w<>hl so, wie Nietzsche in der „Morgenröte" schon andeutete, daß die verhaltenen Kräfte des einmal befreiten Judentums sich „in große geistige Menschen und Werke verströmen mußten". Die Sammlung im Zionismus war zunächst— ich sage: zunächst — nur das ganz mechanische Ergebnis der seit der Emanzipation zur übermächtigen Fülle angeschwollenen Schöpferischkeit auf allen Gebieten — also auch auf dem der Musik. Dies grundverschiedene Resultat beruht auf einer grundverschiedenen Anschauungsweise: Nadel betrachtet musikhistorisch, ich betrachte musikpsychologisch (um nicht zu sagen: musikmetaphysisch). Beides hat Vorteile und Nachteile für sich, doch scheint mir die musikpsychologische Betrachtung nicht deshalb von größeren Vorteilen zu sein, weil ich sie treibe, sondern weil sie über das bloß Tatsächliche weiter dringen kann zum Wesentlichen, weil sie über das Wirkliche hinweg das Mögliche zu ahnen vermag. Wirklich ist in diesem Falle die Tatsache, daß alle Komponisten, die in Frage kommen, innerhalb des Formenbereichs der sie umgebenden Kultur geschaffen haben, möglich ist, daß sie trotzdem die inneren Zusammenhänge mit dem Judentum nicht verleugnen, vielmehr daß gerade ihre Exzeptionalität nicht auf die Einflüsse ihres Milieus zurückzuführen ist, sondern auf die Verbundenheit ihres Blutes. Wir sehen gleich hier, daß wir deshalb nie zusammenkommen werden, weil Nadel zwar ein vorzügliches musikhistorisches Wissen hat, dafür aber die Unterschächte der jüdischen Seele nicht kennt, ja offenbar nicht kennen will. Ich kann und will mich hier nicht wiederholen. Es wäre ebenso leicht, von dem Kankan Offenbachs eine Brücke zu schlagen zu den ostjüdischen Volksliedern, wie von dem Sprechton des „Pierrot Lunaire" Schönbergs zu dem synagogalen Sprechgesang: — und wir hätten schon einen Weg zu dem, wasNadel unter demBegriff „jüdischeMusik" gelten läßt. Hier will ich nur ein einziges Beispiel geben, das in seiner Besonderheit so schlagend ist, daß es zum mindesten die Fruchtbarkeit meiner musikpsychologischen Betrachtung rechtfertigt: den Trauermarsch in Mahlers I. Sinfonie. II. Einmal geschah es: die Vision brannte in mir auf: dieser dritte Satz aus Mahlers I. Sinfonie äst Judentum, ist reinstes Judentum. Hier ist alles: Marsch, Trauer, Ironie, Volksgesang, Kanon, melodische Entfaltung, Tonart, Instrumentation: hier ist

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