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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 314

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem einer jüdischen Musik
Date
1923-01-01
Page
314 (sequence 6)
Language
German
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314 Umschau: Musik richtiger Begeisterung geschriebenen kurzen Lebensgeschichte nur noch ein einigermaßen zuverlässiges Werkzeug: das der Rassenpsychologie. Aber damit muß man vorsichtig umgehen, Sie geht immerhin von einer Prämisse aus, die umgestoßen werden kann und die vor allen Dingen heute noch nicht gesichert ist, weil ja die psychologische Durchdringung des Judentums erst noch in ihren Anfängen steht. Darum unterschätze ich auch nicht das "Wagnis, Schreiber auf die gleiche Ebene mit Mahler und Schönberg zu setzen. Und daß ich dies auch nur mit Hilfe einer bestimmten psychologischen Distinktion vermochte, hat man aus meinen Bemerkungen über das Formproblem gesehen. Immerhin ist die Evidenz gerade auch bei diesem Fall ganz außerordentlich, und sie kann kaum bestritten werden. Ein Mensch, der mit so unerhörter Offensichtlichkeit um die ihm von der Natur aus versagte Form ringen mußte wie Schreiber, ein solcher Mensch ist kaum geeignet, das Gegenteil einer psychologischen Supposition zu beweisen. Er schließt sich notwendig als symptomatisch den weiteren Fällen an, und da das Judentum bis heute noch keinen einzigen Gegenfall gezeitigt hat, läßt sich annehmen, daß hier eine ungeheuere Identität vorliegt, die sich nur aus einer ganz bestimmten psychologischen Struktur heraus begreifen läßt. Mahlers Werk liegt heute ganz vor, und von Schönberg immerhin so viel, daß alles Weitere keine Überraschungen mehr bieten kann. Eine eingehende Analyse beider Musiker hat nur das ursprüngliche Gefühl bestätigt. Sie hat gezeigt, daß in ihnen von vorneherein eine antistatische Kar f t am Werke war und daß sie diese auch mehr oder weniger zum Austrage gebracht haben. Daß sie beide Melodiker sind und keine Harmoniker, bedarf heute keines besonderen Beweises mehr. Bedarf es eines solchen aber für Schreiber? Die Auswahl aus verschiedenen Zeitpunkten schützt in etwas vor einem Fehlschluß. Alles andere kann natürlich nicht im voraus beurteilt werden. Das Resume läßt sich heute nur dahin geben: erfüllt Schreiber in seinem — offenbar dem Werk Mahlers und Schönbergs an Umfang nicht nachstehenden— Gesamt werk, was er in diesen, verschiedenen Epochen seines Lebens angehörenden, zehn Liedern verspricht— und nach Max Brods Überzeugung ist nicht daran zu zweifeln —, so ist er der dritte dämonisch begab te, geniale Musiker, der sich Mahler und Schönberg auch demRange nach anschließt. Etwas anderes läßt sich vorläufig noch nicht sagen. Erfüllt Schreiber aber diese Erwartungen, so ist es unsere allererste Pflicht, daß wir seine Klangvisionen und -erlebnisse nicht für seine Formen verantwortlich machen, sondern daß wir lernen, hinter den starren Formen das Eigentliche und Wesentliche, die M u s i k a 1 i t ä t, zu hören, die viel stärker war als sein Formkönnen und schließlich auch viel stärker war als er selbst. Vergönnt war es bis jetzt ja nur einem jüdischen Musiker, die Formen zu brechen und den Auftakt zu neuen, wesentlicheren zu geben: Arnold Schönberg. Aus seinem Material werden die'neuen Formen der Musik bereitet sein. Aber was vor ihm da war, das war mit seinen neuen brodelnden Inhalten an alte erstorbene und verweste Formen gebunden. Schreiber selbst hat — wie mir Brod schreibt — Schönberg in der Zeit, als die zehn Lieder entstanden, noch nicht gekannt. „Erst viel später beschäftigte er sich mit der »Verklärten Nacht', die er sehr liebte und mir als Geschenk für vier Hände setzte." Aber gerade von diesem Stück kann er nicht viel Neues für seine Form empfangen haben, weil ja Schönberg selbst von diesem halb impressionistischen, halb expressionistischen Werk seiner Frühzeit später nichts mehr wissen wollte. Die musikalische Kultur der jüdischen Vergangenheit lernen wir kennen aus der Bibel und aus den synagogalen Gesängen des Mittelalters bis zu den ersten Musikern, die aus der Emanzipation hervorgegangen sind und sich über das ganze neunzehnte Jahrhundert in noch ungesichteter Fülle erstreckten. Die musikalische Kultur der jüdischen Gegenwart sehen wir — außer im chassidischen Lied und in ungezählten benannten und anonymen Kräften.— vor allen Dingen in Gustav Mahler und Arnold Schönberg. Die Zukunft aber wird es nicht unterlassen, auch Schreiber, den am Werk Zerbrochenen und Zerschun denen, zu ihnen zu zählen. Soviel vermögen wir heute schon aus der Bekanntschaft mit einem Bruchteil seines Werkes von ihm zu sagen. Zweiter Teil: Gustav Mahler I. Im Heft 4 dieses Jahrgangs wendet sich Arno Nadel gegen meine Auffassung von

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