Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zum Problem einer jüdischen Musik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 312 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Umschau: Musik und (im „Huhn") durch Ironie. Ein Zug der Schwermut ist unverkennbar. Abgesehen von der „Rekonvaleszentin*1 und „Dal rosal vengo, mi madre" spielt dieser Gegensatz auch in andere Lieder hier und da hinein, s o in „Trotzköpfe", in „Maibaum", wo Frühlingsrausch — „Und Pfingsten rings" — mit Todesahnung und -schwere sich mischen. Aus diesem seelischen Kontrast des Niedergedrücktseins und der Befreiungssehnsucht, des Schmerzes und der Ironie sind diese zehn Lieder gezeugt. Sie liegen zeitlich auseinander, und darum geben sie einen um so sicheren Einblick in die schroffe Gegensatznatur Schreibers. Man darf wohl annehmen, daß das, was dazwischen liegt — jene zweihundert Lieder, Orchesterwerke, Fugen, Klavierkompositionen und Violinsonaten — aus einer ähnlichen seelischen Verfassung heraus entstanden sind und daß wir in ihnen die Abwandlung eines leidenden und nach Befreiung ringenden, eines nächtigen und nach Licht ausschauenden Menschen erfahren werden, Konfessionen, aber mit Herzblut geschriebene Konfessionen und darum überzeitliche und überpersonale. Gewiß, die Erwartungen, die wir nach diesen Liedern hegen, dürfen nicht übermäßig weit gespannt werden, weil hier ein zu kleines Fragment vorliegt, als daß man ohne einiges Wagnis auf die Totalität hoffen darf. Aber es mag manches musikalisch im ureigentlichsten Sinne Wertloses darunter sein: gerade die Identität des Grundkontrastes, die aus diesen zeitlich verteilten Werken allzu deutlich spricht, läßt uns annehmen, daß diese die schöpferische Basis nur bereichern, vielleicht gar noch .erhöhen, auf keinen Fall aber verringern werden. Denn einzig aus diesen beiden stärksten Gegensatzpolen, die gleich Nacht und Tag, gleich Weib und Mann sind, fließt die höchste schöpferische Tat. Resignation oder Überwindung — gleichviel! Diebeiden äußersten'Pole prallen aufeinander, und wenn der schaffende Mensch dabei zermalmt wird, so wird sein Schwanengesang um so ergreifender und tiefer sein. V. Mit dieser unmittelbar seelischen Disposition korrespondiert eine andere, sofort auffallende Tatsache: die starke Betonung des dynamischen Elementes, oft geradezu im Gegensatz zur harmonischen Begleitung. Diese Lieder sind nur aus ihrem Rhythmus heraus zu erfassen. Schreiber strebt ganz offenbar darnach, dem Rhythmus seine stärkere seelischeUrbedeutung zurückzugeben, ihn nicht von der begleitenden Harmonie knechten zu lassen, sondern seine Autonomie gegenüber der harmonischen Heteronomie — gewiß unbewußt — zu betonen. Es liegt sicher im lyrischen Charakter des Liedes begründet, daß die rhythmischen Elemente, die zur Bildung der Melodie führen, vorherrschend sind gegenüber der Harmonie. Aber es gehört mit zu dem tragischen Verhängnis der abendländischen Musikentwicklung, daß sie die Autonomie der Melodik verletzt und die Melodie zur Dienerin der harmonischen Begleitung gemacht hat, wie das deutlich wird in ihrem stärksten Paradigma: Richard Wagner. Abgesehen davon, daß Wagner nur wenige Lieder schuf (auch hier gespeist aus dem E r- 1 e b n i s , wie in „Tristan") ist seine „unendliche Melodie" und selbst die arienhafte Behandlung einzelner Partien nur sklavisch der harmonischen Entfaltung beigeordnet Wagner vermag nur im Akkord zu entfalten, nirgends in der Linearität. Darum die geringe rhythmische Wirksamkeit seiner Musik und dafür die um so stärkere zerebrale. Bei Mahler und Schönberg— wie überhaupt bei der jüdischen Musik vor und nach Wagner — habe ich schon auf da hervorstechende Moment der Rhythmik hingewiesen. So sind z.B. Meyerbeer und Offenbach nur als Rhythmiker zu verstehen. Dadurch konnte auch die jüdische Musik erst in der Gegenwart in den Vordergrund treten, weil ihr der rhythmische Sinn, die Expression, die Dynamik der Seele unmittelbar und am stärksten innewohnt, und weil man es endlich wieder als Manko empfunden hat, daß die Rhythmik zum Paria herabgesunken ist im Gegensatz zu der alles beherrschenden Harmonie. Wir wollen keine Wirkung mehr, die unsere Nerven niederschlägt, sondern eine Wirkung, die unseren ganzen Körper bewegt In diesem Sinne stoßen wir nach näherem Zuhören und Zusehen bei diesen so banal geformten Liedern auf die merkwürdiger Erscheinung, daß die rhythmischen Elemente vollkommen autonom gehandhabt sind, daß ein immerwährendes Drängen und Brausen durch sie zieht, und daß sie jeden Augenblick das fremde Gefäß zersprengen möchten. Es ist derselbe Zwiespalt, an dem die Werke Mahlers leiden, an dem bis . zu einem gewissen Grade auch die Werke Schönbergs leiden, obwohl gerade er noch die stärkste Befreiung von dem fremden Ballast in sich vollzogen hat. Es ist schließlich der selbe Zwiespalt, an dem das jüdische Kulturvermögen überhaupt leidet