Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Literatur in schwedischer Sprache [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 308 (sequence 5)
- Language
- German
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308 Umschau: Literatur Entwicklung der eigentlich modernen jüdischen Poesie mit der Epoche der Haskala, wenn auch der neue Individualismus, der sich hier zum ersten Male regt, nichts ist als das Ergebnis des mittelalterlichen religiösen Kollektivismus, gegen den er sich auflehnte: „Die Lyrik der Haskala ist nicht ein Instrument für die zart besaitete Seele, sondern gleicht mehr einem Trompetenstoß, der aufschreckt und die Masse zusammenruft." Mit dem Gedicht: afcöthi ruhämä1) von J. L. Gordon beginnt die Auseinandersetzung der modernen hebräischen Dichtergeneration mit dem Phänomen der jüdischen Tradition, eine Auseinandersetzung, die in B i a 1 i k s ha mathmid2) ihren vorläufigen Höhepunkt und Abschluß gefunden hat: „Dieses Gedicht war das Abschiedslied eines ganzen Geschlechts, das plötzlich an einem Wendepunkt seiner Geschichte angelangt, die dicken Folianten des Talmud schließt und in die schöne Gotteswelt hinausgeht, um seine verlorene Seele zu suchen. Zehn Jahre später sang Bialik in seiner ,Feuerrolle* das neue ,Lied der Lieder* der jüdischen Seele, die von neuem geboren wird. Dieses Lied, in Prosa geschrieben, ist finster wie die Tiefe des Lebens, finster wie die geheimnisvollen Wege der Seele. Und trotzdem ist es gleichzeitig wunderbarer Art, hier geht die gebundene Seele des Ostjuden zu Gericht mit denen, die sie irre leiteten, und mit Siegesjubel, geschöpft aus altem, reichsprudelnden Bächen, satt von Leben und Licht, singt sie hier von der neuen Jugend und von neuer Kraft, die sie wieder stählte." Bialik nimmt überhaupt einen Ehrenplatz in diesem Buche ein; die Herausgeber hat dabei unter anderem die Absicht geleitet, diesen größten Dichter des lebenden Hebräisch für den Nobelpreis zu empfehlen und ihn jedenfalls dem literarischen Publikum Schwedens näher zu bringen. Das zweite ist auch im vollsten Maße geglückt: die führenden Kritiker der skandinavischen Zeitungen haben sich begeistert über den Dichter ausgesprochen, unter anderen auch der große norwegische Dichter Christian Elster. Man kann also sagen, daß in diesem Sammelbande der nichtjüdischen Welt zum ersten Male ein Überblick über unsere moderne Lyrik gegeben worden ist. Nun werden sich die schwedischen Christen und — Juden nicht wieder mit Unkenntnis entschuldigen J) Meine Schwester Ruhama. 2) Ein „Mathmid" ist ein ständig (thamid) dem Talmudlernen zugewandter junger Mann. können, wenn sie geringschätzig auf die geistigen Güter des Judentums schauen. III. „Die Gegenwart und Zukunft des Vo lkes Israel" Der zweite Band, den die „Gesellschaft für jüdische Literatur" erscheinen ließ, heißt: „Die Gegenwart und Zukunft des Volkes Israel"x), gleichfalls von Dr. Ehrenpreis redigiert. Dieses Sammelwerk zeigt die jüdischen Gedanken, die unser anormales Leben während der Galuth hervorgebracht hat, und ist für diejenigen bestimmt, die die verschiedenen in der jüdischen Gegenwart herrschenden Anschauungen kennen lernen wollen. In 12 Aufsätzen und Vorträgen kommen die bedeutendsten Vertreter des jüdischen Gedankens im 19. und 20. Jahrhundert zu Wort. Liberalismus, Nationalismus, Zionismus und religiöse Bewegung werden erörtert. Das liberale Judentum ist dargestellt durch die Aufsätze von Prof. M. Lazarus: „Die Erneuerung des Judentums" (entnommen aus seinem ebenso betitelten Buche); Claude Montefiore: „Die Rolle des Judentums innerhalb der Weltreligionen", (Vortrag, gehalten 1918 in London); Prof. Ch. Steinthal: „Die Rolle der Semiten in der Geschichte", (entnommen seinem Buche: „Über Juden und Judentum"); Prof. H. Cohen: „Die Ostjuden"; (Übersetzung seines Artikels: „Der polnische Jude", der in dieser Monatsschrift erschienen ist). Das nationale Judentum wird dargestellt in dem Aufsatze von Dubnow: „Die Deutung des Nationalismus in der Judenfrage", (entnommen seinem russisch geschriebenen Buche: „Briefe über das alte und das neue Judentum"); der Zionismus ist durch seine bedeutendsten Vertreter interpretiert: Herzls erzählender Aufsatz: „DieMenorah", M. Nordaus Referat auf dem ersten Zionistenkongreß: „Das Judentum am Ende des 19. Jahrhunderts" sowie seine Rede: „Die Vaterlandsliebe und der Zionismus" sind wiedergegeben. Von Ahad haarn finden sich die bekannten Artikel: »Die Frage des Judentums" und „Äußere Freiheit und innere Knechtschaft". Über die religiösen Fragen orientiert N. Birnbaum durch seinen Artikel: „Judentum" (aus „Gottes Volk") und M. x) Israels Natid och Framtid, valda essayer av samtida judiska täukare. Med enledningar av M. Ehrenpreis. Stockholm, P. A. Norstedt och söners förlag. (246 Seiten.)