Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die jüdische Literatur in schwedischer Sprache [Rezension]
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 309 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau: Musik 309 Buber durch sein Buch: „3 Reden über das Judentum", das vollständig abgedruckt ist. Jedem Beitrag ist eine Biographie und Würdigung des Verfassers vorangestellt. Hervorzuheben bleibt auch hier die völlige Objektivität, die sich besonders deutlich in der maßvollen und zurückhaltenden Biographie Herzls zeigt, die vom Herausgeber selbst, einem alten Zionisten und Freund Herzls, stammt. Die drei hier besprochenen Bücher ergänzen sich gegenseitig. Was in einem fehlt, bringt das andere. Wenn nun das skandinavische Judentum, das einem Körper ohne Seele gleicht, einmal erwacht und sieht, daß das jüdische Volk lebt und wirkt und daß seine „Glaubensgenossen" nach seelischer Harmonie, nach einem Lande mit Sonne und eigenem Licht, nach einer Sprache und eigener Literatur streben — dann wird auch dieser fast abgestorbene Teil des jüdischen Volkes vielleicht noch einmal an der großen, gemeinsamen Aufgabe mitwirken. Dies zu erreichen, ist das letzte, noch ferne, aber nicht utopische Ziel der drei Veröffentlichungen. Auch sie wollen nicht Literatur bleiben, sondern dem Leben dienen. Abraham Hurwitz MUSIK Zum Problem einer jüdischen Musik ErsterTeil: Adolf Sehr eiber I. Es gibt eine jüdische Musik! Das will heißen, daß es eine jüdische Kultur gibt. Ein Volk, das soviel ureingesessene Musikalität hat, ist nicht unschöpferisch. Es kann den Schein der Kulturlosigkeit erwecken, wenn diese Musikalität aus ihrer Dynamik in eine Statik gerinnt, in eine Statik des Begriffes und der Zahl, weil seiner Seele die Plastizität des Raumes, des Sehbaren gebricht. Aber einmal wird diese ungeheure Verhaltenheit der Instinkte wieder hervorbrechen, "einmal wird sich das Ungeheuere der verdrängten Dämonie wieder zeigen — und dann wird es der Welt plötzlich wieder offenbar, daß hier ein eminent schöpferisches Volk da ist, das aus der Exuberanz seiner ureingesessenen Musikalität Manifestationen des Geistes, will heißen der Kultur, verströmt und verschwendet. Die Seelengeschichte des Judentums wird die einer Pathologie großen Stiles sein, wenn sie einmal abgeschlossen ist. Durch tausend Anomalien und Paradoxien hindurchgegangen, hat sich das Judentum selbst korrodiert. Aber sie wird auch die einer der unerhörtesten Paradoxien der Weltgeschichte sein: daß ein Volk des A11 e r s — denn es ist schon mit Abraham und der Vätersage beginnend ein Volk des Alters — sich seine Jugendlichkeit bewahrt hat, daß es sie durch alle die Jahrtausende der Verirrungen und Verwirrungen hindurchgerettet hat, wie ein Kleinod, das man so lange verbirgt, bis die Stunde kommt, da man es zeigen darf. ■ Und die Stunde neuer Jugendlichkeit des Judentums ist heute da! Überall bricht sie aus den erstarrten Denkmälern ihrer einstigen Zeugenschaft und schreit und lallt seine Befreiung. Dieses Volk des Alters gebiert sich aufs neue. Dieses Volk des Alters streut Keime dereinstiger Fruchtwerdung aus, daß der Greis Europa hilflos dasteht und nicht weiß, was er dazu sagen soll. Nein. Das jüdische Volk ist kein Volk der Zivilisation, wie uns eine Terminologie der Spätzeit klarmachen will. Das jüdische Volk ist ein Volk der Kultur, der Kulturkeime, der größten Möglichkeiten einer Kultur. Sagt immerhin, Potentialität sei keine Aktualität, sagt immerhin, Virtualität sei keine Realität — Schöpferisches spüren wir immer nur dort, wo das Mögliche in einem 'Wirklichen wohnt, wo die Phänomenalität, die Form, das Sehbare gefüllt ist von dem, was west und wirkt, wo die vielen Möglichkeiten eingegottet und eingetan sind. Ein Volk, das seit Mose auf der Suche ist nach einer Zivilisation, ist kein Volk der Zivilisation, denn sonstmüßte es sie aus sich hervorbringen können. Es ist ein Volk der Kultur — einer Kultur allerdings von exorbitanter Spezifität —, weil zutiefst in seiner Seele das wohnt, was der Quell aller Kulturwerdung und Kulturerwirkung ist: — die Musikalität Es gibt eine jüdische Musikt Denn in den Formen, die nicht von dem jüdischen Volk gebildet sind, aber von ihm gefüllt werden, braust jene große Möglichkeit, die Musikalität, jene ewige Essenz, die immer wieder dem Gewände einwohnt und es aus seiner Nacht der Erstarrung in die Morgenröte eines neuen Werdens hebt. II. Zwei jüdische Musiker treten aus der Fülle, die — durch das ganze neunzehnte Jahrhundert vorbereitet — zu ragenden Ecksteinen einer großen musikalischen Wende geworden sind: Gustav Mahler und ArnoldSchönberg. Uber sie habe ich an anderen Stellen schon mehrfach gesprochen. Was sie getan haben, läßt sich ganz