Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 294

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Zum Untergang der abendländischen Revolution
Date
1923-01-01
Page
294 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101195-3108114--6069-3108172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

294 Bemerkungen: Zum Untergang der abendländischen Revolution knüppeln und verhaften ließ, um am nächsten Morgen von einer gleich großen, gleich begeisterten Menge ersetzt zu werden; es sei ferner erinnert an das Ghandi dieser Tage und an Gustav Landauer, den versprengten Orientalen, der nimmer und nimmer vergessen sei! In diesen Bezirk sind die Russen inbegriffen. Ein anderer Mythos lebt im Westen, ein anderer im Osten, und nur der Westen konnte seine Revolution ad absurdum führen, da er seine geistigen Grundlagen, sein Herz und sein Gehirn ad absurdum führte, da er sich vor die Maschine legte, freiwillig, nur dem Drange einer wirtschaftlichen Notwendigkeit folgend, das Herz dem Magen opferte. Die Entwicklung der europäischen Revolution mußte den Weg gehen, den ihr die Entwicklung Europas vorschrieb und stets muß ihre Methode die gleiche bleiben, solange sie nicht ekstatisches Aufstehen der europäischen Menschheit gegen die Maschine wird. Wird aber jeder Sklave, der seiner Versklavung nicht bewußt wird, gegen den Frohnvogt, gegen die Idee der Sklaverei überhaupt, aufstehen? Die Revolution des Westens starb mit dem Sterben seiner Fanatiker, seiner an geistigen Zielen fanatisierten Künder einer neuen Zeit. Dann hub die Herrschaft der vom Magen diktierten Aufstände an: Europa ward Objekt eines hier gewiß folgerichtigen (historischen) Materialismus und die Revolution wurde Ausdruck einer Massenleidenschaft, die nicht nach den Himmeln der Erleuchtung, sondern nach den Paradiesen der physischen Befriedigung schrie. So wurde, wohl nicht zum primären, aber doch zum wichtigsten Umstand und Kennzeichen in der Revolution des modernen Westens das festgefügte System einer Revolutionsorganisation — (Deutschland besaß bereits 1916 einen gut organisierten Revolutionsausschuß) —, dagegen wurde der Einfluß spontaner Erregung immer geringer, immer wichtiger die den gegebenen Verhältnissen entsprechende Überlegung: dahinschwand das mystischsehnsüchtige Vertrauen auf ein göttliches Ziel, das tief religiöse Brennen, dessen inner^ weltliches Ergebnis die ethische Sendung des Revolutionärs ist; es ward zum real sehr erfaßbaren, der Erkenntniskritik standhaltenden, bewußt und organisiert gesetzten Gegendruck auf einen übermächtig werdenden Druck, der sich wohlbewußt und wohlvorbereitet aller Waffen der ,,Reaktion'', gegen die er angesetzt wird, bediente. Revolution ward allmählich zur Parteiangelegenheit, die Fackel zur Parteifahne und der erschütternde Ruf zur Gebärde, welche die romantischen Embleme, die am Anfange jeder Revolution um die Hilfe der Jugend werben, ersetzte. (Ihr Schwinden im weiteren Ablauf der revolutionären Akte, sobald der Ansatz zu einer Massenekstase oder Massenpsychose nüchterner Revolutionstagestätigkeit weicht, ist einer der Gründe, die die Jugend in Zeiten der Ruhe, der latent gewordenen Revolution, von den programmatisch revolutionären Parteien abhalten und sie, wie im gegenwärtigen Deutschland, in das Lager der abenteuernden, romantisch scheinenden Gruppen fuhren.) Die latente Revolution im Europa der kapitalspeienden Maschine ist nur im ersten Augenblicke, in einer ganz kleinen Sekunde der Weltgeschichte wahrhaft revolutionäre Tat: Ergebnis eines der Verzweiflung entspringenden übermächtigen Willens, die Gegenwart zu einer ungeheuren Cäsur zwischen Vergangenheit und Zukunft zu machen; im nächsten Augenblick aber ist sie wieder zur primär wirtschaftlichen Angelegenheit geworden, die das eine Mal Krieg heißt, das andere Mal — in Ermangelung einer neuen Bezeichnung — Revolution. Kritische Punkte in Zeitläuften steter ökonomischer Verwandlungen heißen Kriege, wenn ihr Herannahen von den Herren der Maschine beschleunigt wird, sie heißen Revolutionen, wenn sie der Diener der Maschine herbeiführt. Der Effekt ist der gleiche: unerbittliches Weitertreiben des wirtschaftlichen Entwicklungswillens. Daraus ist verständlich, daß der Marxismus durch Evolution zur Revolution (die ihm immer nur beschleunigte soziale, ökonomische Evolution ist) kommt; hier wird klar daß er, an eine historische Kontinuität sich klammernd, eine Verelendungstheorie sein Eigen nennen kann und aller phantastischen Romantik, aller außerwirtschaft-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.