Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zum Untergang der abendländischen Revolution
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 295 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Eine neue Phase zionistischer Erkenntnis 295 liehen Momente und Antriebe letzten Endes fremd sein muß. So trägt alle westliche Revolution dieser Zeit — die stets Klassenrevolution sein muß — das Wort des genialen Korsen, der die Entwicklung von der sogenannten großen Revolution zur sozialen Revolution der Gegenwart vorausgeahnt haben muß, als Motto: „C'est le ventre, qui fait les revolutions". Rußlands Revolution aber ist trotz Bolschewismus, trotz Marxismus und trotz einer kleinen Schicht theoretisch durchgebildeter Revolutionsführer die Revolution der russischen Erde, die an der Schwelle Asiens liegt. Ungeheuer fallen die Schatten des geheimnisvollen Kontinents auf Rußland und der primitive Mensch dieser Erde kämpft seine gläubige Revolution um ein Stückchen Erde; gläubig ist diese Revolution — wenn auch hysterische Führer Kirchen und Synagogen verunreinigen — schon darum, weil dieses Stückchen Erde, um das der Muschik kämpft, nicht etwa primär ökonomisch bekannte Angelegenheit, sondern ein mehr metaphysisches mystisches Verbundensein mit Mütterchen Rußland, dem primitiv faßbaren Sinnbilde der großen Grenzenlosigkeit bedeutet. Hier ist die Revolution keine individuelle Angelegenheit, keine persönliche Sache von so und so vielen Menschen, die ihre persönliche Erlösung suchen und vor dem Absoluten sich rechtfertigen wollen durch die Erlösung des Volkes oder der Menschheit, hier ist sie asiatisch, hier ist sie, der vom Orient befruchteten russischen Volksseele entsprungen, wahrhaft kollektivistisch. Kohns Buch, das von einer hohen Warte aus die russische Revolution behandelt, kann natürlich nicht vom praktischen Verhältnis des Judentums, von dem er in seinen anderen Schriften spricht, zu dieser Erscheinung reden. Er darf, objektiven Blickes und seiner Aufgabe bewußt, nicht an die Klippen anrennen, die, tragische Zeugen unserer heutigen Existenz, sich zwischen uns und der russischen Revolution erheben. Er darf die Frage nicht aufwerfen, ob ihr Wert, als Verkündung und Wegbereitung der künftigen Revolution des Morgenlandes, des geeinten Asien, die feindliche Einstellung der jüdischen Führer dieser Revolution aufwiegt, die, tragische Kreuzungsprodukte orientalischer Anlagen und westlicher Ideen, dieses Judentum im Zuge der Revolution gewaltsam auflösen wollen. Er darf diese Frage hier nicht stellen, um deren Beantwortung wir uns eines Tages nicht mehr werden drücken können. Wenn auch die russische Revolution keineswegs Angelegenheit Rußlands allein ist, kann sie einer jüdischen Auferstehung der Zukunft — (die wohl kaum auf den diplomatischen, wirtschaftlichen Wegen des offiziellen Zionismus liegt, der ja eine typisch europäische Angelegenheit mit typisch europäischen Methoden wurde) — nur sekundär wichtig sein, was ihre positiven, aber auch was ihre destruktiven Tendenzen betrifft. Dennoch aber müssen wir aus ihr lernen, aus ihr uns auf uns selbst besinnen, aus ihren Fehlern erkennen, daß unsere Tat in Palästina keine revolutionäre Tat im Sinne Asiens ist, wenn wir uns an den Westen klammern, und daß wir in diesem Augenblick zu Gegenrevolutionären gegen einen zur Revolution sich erhebenden arabischen Nationalismus werden. Ich glaube aus Kohns schönem Buch die Bestätigung eines kategorischen Imperativs herauszuhören: Verbinden wir unser Schicksal mit dem Schicksal Asiens, dann gehen wir einer Zukunft entgegen, binden wir es an Europa, dann ist es nicht der Mühe wert, ihretwegen die Hände zu regen. Eugen Hoeflich EINE NEUE PHASE ZIONISTISCHER ERKENNTNIS1) Hans Kohn, der soeben in einer vorzüglichen Darstellung der russischen Revolution gezeigt hat, daß er der konzentrierten und systematischen Behandlung großer Themen gewachsen ist, läßt sein jüngstes zionistisches Buch „Nationalismus" als eine Sammlung einzelner Aufsätze in die Welt gehen, denen lediglich „die Einheit der Grundstimmung" gemeinsam ist. Die neuen Wahr- *) Hans Kohn, Nationalismus, R. Löwit Verlag, Wien-Leipzig, 1922.