Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zum Untergang der abendländischen Revolution
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 293 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN ZUM UNTERGANG DER ABEND¬ LÄNDISCHEN REVOLUTION < In einem mit außerordentlicher; Wärme geschriebenen Buche1) versucht Hans Kohn dem Sinn und dem Schicksal der Revolution, der russischen Revolution der Gegenwart, nahe zu kommen. Auffallend an dieser Arbeit ist die herzliche Liebe, mit welcher der Jude Kohn dem Russen tum entgegentritt, eine Liebe, .die nicht allein aus langjährigem Verbundensein mit russischer Erde und mit russischen Menschen gewachsen sein kann; die mehr ist, die mir Symptom einer inneren Verwandtschaft zwischen dem jüdischen und dem russischen Menschen zu sein scheint, eine seltsame Brücke, die von dem einen, zum andern führt, von einem orientalischen zu einem vom Orient außerordentlich befruchteten und beeinflußten Volke. Das grenzenlose Asien spricht aus der Mystik der russischen Revolution: dieses Grenzenlose war es, das uns einst bewegte (das erst begrenzt wurde durch die historische Fixierung des Geburtsdatums des Gründers der europäischen Religion, durch jenen Versuch also, eine Brücke vom Innerweltlichen zum Außerweltlichen, Kosmischen, Esoterischen zu legen), die leise melancholische Stimmung aus der Grenzenlosigkeit der Wüsten und Steppen, die ein faßbares Gleichnis zur absoluten Grenzenlosigkeit ist: sie ist wesentlich für beide. Wer den Sinn der russischen Revolution oder besser: ihre seelischen Elemente erfaßt hat, in dem muß die Sehnsucht wieder stark werden: möchten auch wir, jüdische Menschen, wieder grenzenlos werden! Aus diesem Drange zum Absoluten, der nichts anderes ist, als der dem Orientalen eingeborene Wunsch zur höchsten, letzten Entscheidung, zur letzten Vereinigung, ist nach Kohn der schicksalhafte Sinn der russischen Revolution dieser Tage zu er- *) Hans Kohn: Sinn und Schicksal der russischen Revolution. E. P. Tal & Co.f Verlag, Wien—Leipzig. kennen. Zur Revolution dieser Tage aber ist kein tertium comparationis in den Revolutionen Europas zu finden, die im wahren Sinne des Wortes, als religiös bewegte, ekstatische Massenbewegungen, wohl mit den Bauernkriegen versandeten. Die Revolte luddistischer Maschinenstürmer Englands war vielleicht ein letztes Zucken des revolutionären Geistes Europas, da nicht allein die zur Revolution notwendige Verzweiflung (in Asien: Fanatismus), sondern auch ein gewisses religiöses Gefühl mitsprach. Die europäische Revolution der Gegenwart ist kein Nachkomme der französischen, kein Nachkomme der Bürgerrevolte des Jahres Achtundvierzig und hat sicher nichts gemeinsam mit der deutschen Revolte von Scheidemann bis Spartakus. Rußlands Erhebung, sei sie auch von westlich orientierten Führern geleitet, ist das erste Zucken Asiens, ehe es aufsteht. Wenn auch die Idee der westlichen Revolution: Marxismus, historischer Materialismus, ihr nach dem Westen gekehrtes Aushängeschild ist, sind ihre Anlässe wie ihre Auswirkungen östlich genug, um sie in die Reihe jener Revolutionen einzuordnen, die vom Sinai und von Kapilavastu aber auch vom Kublai khan und von den rasenden Chalifen ihren Ausgang nahmen, die wunderbare Kleider trugen, bald Kriegszüge gewöhnlichster Art schienen, unmenschliche Beutezüge, bald als Junkerrevolten wie letzthin in Anatolien begannen, stets aber Ausfluß hingebender, alle Empirie verschmähender Ek-stasis von Menschen oder Menschengruppen waren, deren Stirne irgendwie Göttlichkeit umleuchtete, die alle, ohne Ausnahme ihrer Idee, die letzten Endes stets die Idee Asiens war, lebten, unwahrsten Sinne des Wortes: lebten. Es sei erinnert an die freiwilligen Opfer vergangener Aufstände des Ostens, an das erschütterndste Exempel eines asiatischen revolutionären Aktes, den Marsch der Akali nach Guru ka\ bägh, da sich tagtäglich die Mengein stummer H ingabe nieder-