Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 291

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1923-01-01
Page
291 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101195-3108113--6065-3108169
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Aus dem religiösen Leben der Ostjud^n 291 bewohner, die Kleinen wie die Großen, mitsamt ganz Israel Amen und Amen, Selah! Ich befehle, bitte und warne vor Übertretung, daß sofort nach meinem erfolgten Ableben, vor meinem Begräbnisse, zwei Männer von Haus zu Haus gehen, ohne auch nur eines zu übersehen, und jeden Menschen fragen, ob ich ihm nicht einen Betrag, und sei es auch nur der kleinste, schuldig geblieben bin. Die kleinen Schulden solle man unbedingt sofort, noch vor meinem Begräbnisse, bezahlen. Etwaige größere Schulden sollen nachher, aber spätestens binnen Jahresfrist, zurückerstattet werden1). — Ihr meine Söhne, bald nach den sieben Trauertagen sollt ihr auf meinem Grabe ein nicht prunkvolles Gebäude herstellen lassen2). Wenn ihr auf, mein Grab auch einen Denkstein setzen wollet, dann schreibet darauf gar kein Lob, auch nicht das geringste, denn ich ziehe ein in die Welt der Wahrheit, und es ist in Wahrheit vor dem wahrhaftigen Gott bekannt, daß mir gar kein Lob gebührt. Dies unter sehr großer Verwarnung." In den unter den Chassidim verbreiteten und von manchen täglich gelesenen Vermächtnissen gehört auch der sogenannte ,,kleine Zettel" des berühmten Zaddik R. Elimelech aus Lezajsk in Galizien, des Verfassers des vielstudierten kabbalistisch-chassidischen Bibelkommentars „Noam Elimelech"3). Der Rebbe war ein Schüler des großen Maggid aus Meseritsch und starb 1786. Der „kleine Zettel" besteht aus siebzehn kurzen Abschnitten und enthält kabbalistische Anleitungen zum inbrünstigen Beten, sittlich fromme Lebensregeln und Empfehlungen mancher biblischen und anderer Sprüche und der Lektüre von Sittenbüchern zur Hintanhaltung von sündhaften Gedanken und Neigungen. Es wird empfohlen, den ganzen „kleinen Zettel" wenigstens einmal täglich aufmerksam zu lesen und sich dessen Inhalt zum besseren Verständnis in der jiddischen Umgangssprache zu erläutern. Das kurze Schriftstück ist fast all den vielen Ausgaben des „Noam Elimelech" beigedruckt. Bekannt in chassidischen Kreisen ist auch das sittliche Lehren und Anleitungen enthaltende, oft gedruckte Testament des Zaddik R. Ahron aus Karlin, Zeitgenossen des R. Elimelech aus Lezajsk. Von den meisten angesehenen Zaddikim gibt es Testamente, die außer SpezialVerfügungen über ihre Bestattung u. dgl. auch Weisungen und Lehren an ihre Anhänger in bezug auf Frömmigkeit und gottgefälligen Lebenswandel enthalten. Diese Testamente wurden in der Regel nicht gedruckt, sondern kursierten in Abschriften unter den Getreuen des betreffenden Zaddik. Auch sonst ^pflegten fromme und gelehrte Männer ihren Nachkommen ähnliche Testamente zu hinterlassen, die aber mit seltenen Ausnahmen nur im Kreise der Nächsten bekannt blieben, während die Testamente der Zaddikim im ausgedehnten Chassidimkreise Verbreitung fanden, oft sogar studiert und gedeutet wurden. Auch mündliche Vermächtnisse von Zad- *) Über Tragweite und Folgen des Hinterlassens nichtbezahlter Schulden für den Verstorbenen im nächsten Abschnitt. , 4 2) Über den Gräbern der Zaddikim wird ein gewöhnliches zimmerartiges Mausoleum, ein sogenannter „Ohel" (= Zelt) gebaut. 3) „Melodie Elimelechs". 19*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.