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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 280

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die Frage nach dem Sinn des Judentums
Date
1923-01-01
Page
280 (sequence 12)
Language
German
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2&o Abraham Schlesinger: Die Frage nach dem Sinn des Judentums dischen Lande, in dem die „Lehre" einst entstand und von dem sie ausging. Wiederverwurzelt mit dem Heimatboden Erez Israels soll die jüdische Nation oder wenigstens der Kern der jüdischen Nation unter tätiger Mitwirkung der Diaspora in unablässiger produktiver Arbeit auf allen Gebieten des Lebens, der materiellen wie der geistigen Kultur, jenen höheren Menschheits-, Menschentumstypus schaffen, jenes geistig-sittliche „Übervolk" zu werden trachten, worauf es die „Lehre*' absieht. In solchem unendlichen nationalen Selbstvollendungsstreben, einerseits irgendwie engen Zusammenhang wahrend mit dem geschichtlichen Nationalgesetz als der festen Grundlage, andererseits orientiert an der geschichtlichen „Lehre", mit dem messianischen Ideal der Propheten als dem absoluten Endziel, dem absoluten Richtpunkt aller Entwicklung — also erfüllt sich der Sinn des Judentums, darin ruht sein Wert und sein ewiges Daseinsrecht. — Mir scheint diese Sinngebung des Judentums am meisten befriedigend, um so mehr, als sie weit genug ist, zwei Sonderformen zuzulassen. Ich für meine Person akzeptiere die kritische Form, die ihren klassischen Vertreter in Achad Haam besitzt. So oder so: das historische Nationaljudentum überhaupt hat den Vorzug, daß es das geschichtlich Gegebene und Gewordene in seiner Totalität würdigt und anerkennt, von da aus jedoch zugleich auf Zukünftiges und zwar von inhaltlich bestimmter Natur verweist, in immer neue Weiten und auf ferne Höhen führen will. Es hat noch den anderen Vorzug, daß es mehr als die übrigen Richtungen, von denen die Rede war, geeignet ist, Begeisterung zu wecken und zu hingebender Arbeit anzufeuern, indem es hohe, aber dennoch konkrete, realisierbare Aufgaben stellt: die intensive Pflege und Mehrung der historischen Güter des jüdischen Volkes, der geistigen wie der materiellen, mitsamt dem an sich schon großartigen Werk einer neuen Landeserschließung, unter befruchtender und bereichernder Einbeziehung, Einverarbeitung der wertvollsten Güter der modernen Kultur in das Judentum. Zwar wird hier der Sinn des Judentums zu einer Unendlichkeitsaufgabe, aber nicht, wie beim reinen Nationaljudentum, zu einer Zukunftsfrage. Jeder Generation ist die größtmögliche Annäherung an das, nunmehr nicht nur rein formal gefaßte, Ziel aufgegeben, wofür sie ihre besten Kräfte einsetzen soll. Fraglich kann immer nur das Eine sein, ob jede Generation undP jeder Einzelne ihre volle Pflicht tun. III. Wir gingen aus, einen Sinn des Judentums zu suchen, der sein Daseinsrecht für die Zukunft begründet und die Kraft besitzt, uns zu veranlassen, für das Judentum zu leben und zu schaffen, wie auch zu tragen und zu leiden. Nicht also um eine'rein theoretische Angelegenheit handelt es sich, sondern um die sehr praktische Frage nach Sein oder Nichtsein des Judentums. Darum ist vor allem nötig, daß überhaupt eine Stellungnahme erfolgt, eine Entscheidung vollzogen wird. Jeder denkende Jude hat die Verpflichtung, sich Rechenschaft abzulegen über sein Judentum, über

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