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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 279

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die Frage nach dem Sinn des Judentums
Date
1923-01-01
Page
279 (sequence 11)
Language
German
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Die Frage nach dem Sinn des Judenturas 279 Hier wird das Judentum in seiner geschichtlich gegebenen Gestalt und Eigenart voll anerkannt. Die jüdische Gemeinschaft war nicht nur früher, wie das reine Nationaljudentum für die Vergangenheit richtig erkannte, ein Volk von besonderer Beschaffenheit, sondern sie soll diese Beschaffenheit auch für die Zukunft behalten. Die jüdische Nation in ihrer geschichtlichen Eigenart bildet weder ein „weltliches" Volk noch eine „Religionsgemeinschaft"; sie stellt vielmehr die synthetische Einheit aus beidem dar. Sie ist ein Volk mit einem durchaus natürlich-weltlichen Leben und Lebenswillen, eine Nation, deren Reich durchaus „von dieser Welt" äst und sein will — nur daß das ganze Volkstum, das ganze Volksleben in allen seinen Einrichtungen und Entfaltungen die Objektivierung höchster sittlicher Ideen, ein „Gottesreich" menschlicher Sittlichkeit, sittlicher Menschlichkeit, sein soll. Nennt man schon das Judentum Religion, so darf es mithin nur in einem Sinne geschehen, der grundverschieden ist von der modernen, die Religion zu einem Teilgebiet neben den vielerlei anderen Teilgebieten des Gesamtlebens beschränkenden, Auffassung. Genauer müssen zwei besondere Formen des historischen Nationaljudentums unterschieden werden. Die eine betrachtet das Judentum in seiher historisch gegebenen, d. h. hauptsächlich aus Bibel und Talmud zu erkennenden Gestalt, buchstäblich als Stiftung der transzendent-persönlichen Gottheit, die das jüdische Volk „auserwählt" hat, durch treue Erfüllung eines von ihr geoffenbarten, unbedingt verpflichtenden, dauernd gültigen, wenn auch durch bestimmte Interpretation entwickelbaren, das gesamte Tun und Lassen umfassenden Nationalgesetzes das ganze jüdische Volks- und Privatleben zur Verwirklichung des Göttlichen auf Erden zu machen. Gegenüber dieser orthodoxen oder besser dogmatischen Form des historischen Nationaljudentums betrachtet dessen zweite, die kritische Form, den jüdischen Volksgeist in seinen höchsten Exponenten, vor allem den Propheten, als Schöpfer jener erhabenen „Lehre", welche die „Welt" zur Wirklichkeit des Göttlichen, d. h. des Guten, des sittlichen Geistes, gestalten will, was zunächst das jüdische Volk selbst in seinem Bereich und, soviel an ihm liegt, durch sein besonderes nationales Gesamtleben zur Ausführung bringen soll. Das mosaische und später das darauf basierende talmudische Gesetz sind die historischen Unternehmungen, für ihre Zeiten jene „Lehre" ins Leben umzusetzen, während für die Zukunft von diesen Grundlagen aus auf dem Wege organischer Entwicklung eine der neuen Zeit gemäße nationale Wirklichkeitsform der „Lehre" zu erstreben ist. Beide Richtungen des historischen Nationaljudentums aber, soweit sie in manchen Punkten differieren mögen, finden übereinstimmend den Sinn des Judentums darin: daß das jüdische Volk unter Wahrung seines geschichtlichen Wesens und seiner geschichtlichen Kontinuität die in der „messianischen Idee" kulminierende, am reinsten von den Propheten verkündete „Lehre" durch ein entsprechendes vollentfaltetes nationales Leben möglichst adäquat verwirkliche. Dazu bedarf es notwendig einer Wiedervereinigung des jüdischen Volkes mit dem neu aufzubauenden jü-

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