Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Frage nach dem Sinn des Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 278 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Abraham Schlesinger: Darin lag zugleich der Sinn, das Daseinsrecht des Judentums und der jüdischen Nation. Demgegenüber bedeutet die Theorie des reinen Nationaljudentums eine vollkommene Aufhebung der geschichtlichen und geistesgeschichtlichen Kontinuität und des historischen Sinnes des Judentums, eine vollkommene Aufhebung dessen, was bislang unter Judentum und Judenheit verstanden und als solches bewertet wurde. Der neue Sinn der nationalenEigenproduktivität auf eigenemBoden besagt eigentlich gar nichts, er entbehrt jeder inhaltlichen Bestimmtheit, Für organisatorische Zwecke ist es wohl hinreichend und sogar hotwendig zu verlangen: alle jüdischen Kräfte, die an der Reproduktivierung des jüdischen Volkes und Volksgeistes auf dem Boden seiner geschichtlichen Heimat mitschaffen wollen, müssen sich zu diesem allgemeinen Ziele, zu dem gewaltigen Werke der nationalen Wiedergeburt überhaupt einmal vereinen, worauf dann gesinnungsmäßig gegliederte Untergruppen des Gesamtverbandes gebildet werden mögen, die im Rahmen des Ganzen jeweils ihre besonderen religiösen, sozialen und sonstigen Ideen verwirklichen, ihre besonderen Sinngebungen des Judentums vertreten; die Gesamtorganisation muß aber in allen solchen Gesinnungsfragen neutral bleiben: sie anerkennt im voraus einfach das als den Sinn des Judentums, was bei der allgemeinen freien Kräfteentfaltung herauskommt. So sehr eine solche Stellungnahme in organisatorischer Hinsicht ihre Berechtigung hat, so unzulänglich ist sie, wo es um die gedankliche Behandlung der Frage nach dem Sinn des Judentums geht. Die aus der Abnormität des modernen jüdischen Daseins geborene Frage ist inhaltlich bestimmt gemeint und verlangt eine inhaltlich bestimmte Antwort. Hier genügt es durchaus nicht mehr zu sagen: reproduktiviert das jüdische Volk, macht es zu einem normal lebenden und schaffenden, modern-weltlichen Kulturvolk, in seiner nationalen Eigenproduktivität besteht sein Sinn! Wer verbürgt, daß das neue, säkularisierte Judentum irgendwelche kulturelle Bedeutung erlangt, irgendwelche geistigen, sozialen oder sonstigen Werte zu schaffen vermag? Das reine Nationaljudentum hegt diese Hoffnung, gründet sich darauf, stellt sie als den Sinn des Judentums hin. „Ein Berg, der an einem Haare hängt!Ä Wenn die Hoffnung trügt? Wenn das jüdische Volk nur ein armseliges „Balkanvölkchen" wird? Verlohnte es sich wirklich, dafür die schwersten Opfer zu bringen? Wäre es, wenn dies das verheißene Ende sein sollte, nicht immer noch besser, trotz des natürlichen Willens zum Leben, ehrenvoll unterzugehen, aufzugehen in den Völkern, auf irgendeinem Wege oder Umwege? Die Theorie des reinen Nationaljudentums versagt also schon deshalb, weil sie von einer inhaltlich bestimmten Sinngebung und Zielsetzung Abstand nimmt und die Schicksalsfrage des Judentums selbst wieder mit einer Frage a n das Schicksal, mit einer Verweisung an die ferne Zukunft beantwortet. Die noch übrige zweite Hauptform der Eigenwertbestimmung des Judentums können wir historisches Nationaljudentum nennen.