Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Frage nach dem Sinn des Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 277 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Frage nach dem Sinn des Judentums 277 Tatsache und das Gefühl einer besonderen Blutsverbundenheit oder Stammesgemeinsamkeit, die Tatsache und das Bewußtsein einer besonderen uralten Geschichts- und Schicksalsgemeinschaft, die Tatsache einer reichen Literatur, großenteils in der eigenen geschichtlichen und niemals völlig „toten" Sprache, dazu der starke Wille zur Erhaltung der besonderen Gemeinschaftsexistenz — diese Momente dürfen allgemeine Anerkennung fordern als die, unabhängig von Glauben und Bekenntnis, objektiv gegebenen geschichtlichen und psychischen Grundlagen der jüdischen Gemeinschaftsexistenz. Indem wir uns an sie allein halten und es im übrigen dem Einzelnen überlassen, sich zu den religiösen, geschichtephilosophischen, weltanschaulichen Überlieferungen zu stellen, wie ihm sein Herz vorschreibt, erheben wir die Judenheit zu einem modernen, weltlichen Volk gleich den anderen modernen Völkern, Zu einem normalen modern-weltlichen Volksdasein fehlt jedoch der Judenheit noch ein Moment: der Besitz eines eigenen Landes, einer Volksheimstätte, worin erst die Juden oder wenigstens der dort siedelnde Kern des jüdischen Volkes ein freies nationales Leben führen, eine nationale Vollkultur schaffen und entfalten könnten. Daher muß das alte jüdische Stammland Palästina, Erez Israel, auf das die jüdische Nation niemals ihren geschichtlichen Rechtsanspruch aufgegeben hat, wieder aufgebaut werden als notwendige Voraussetzung eines jüdischen Volks¬ und Kulturlebens. Darin besteht nun der Sinn des Judentums: eine besondere jüdische Kultur zu entwickeln, besondere soziale, wirtschaftliche, geistige, vielleicht auch wieder religiöse Werte zu schaffen aus eigener Kraft und von eigener Art, wenngleich befruchtet vom Geiste der modernen Kultur, ganz so wie andere vollwertige Kulturvölker tun. Ungehemmte nationale Eigenproduktivität auf allen Gebieten ist der Sinn und die Aufgabe des Judentums. — Nach den früheren kritischen Ausführungen zu den einzelnen Wirkungswerttheorien sowie nach der prinzipiellen Schlußerörterung, die zur Ablehnung einer Wirkungswertauffassung des Judentums überhaupt führte, braucht kaum mehr gesagt zu werden, daß das reine Nationaljudentum in mancher Hinsicht befriedigender erscheint. Trotzdem ist auch diese Richtung sehr anfechtbar: sie macht letzten Endes den Sinn des Judentums selbst wieder zu einer Zukunftsfrage. Wenn man das Judentum vollständig „säkularisiert", in ein rein weltliches Volkstum umwandelt, obwohl es bei seiner eigentümlichen Beschaffenheit recht schwer fallen dürfte, eine so reinliche Scheidung seiner Elemente durchzuführen, so nimmt man ihm damit ganz und gar seinen bisherigen geschichtlichen Charakter, seine bisherige geschichtliche Eigenart, wie sie mindestens der Tendenz nach schon seit Mose und den ältesten Propheten bestanden. Die geschichtliche Existenzbesonderheit Israels war es immer, „Gottes Volk" zu sein, d. h. eine Menschengemeinschaft, welche die organische Einheit der „religiösen" und der „weltlichen" Momente darstellt, in welcher die beiden Momente sich derart durchdringen, daß die jüdische „Welt" ein „Gottesreich" der Gerechtigkeit und Menschlichkeit bildet.