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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 276

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die Frage nach dem Sinn des Judentums
Date
1923-01-01
Page
276 (sequence 8)
Language
German
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276 Abraham Schlesinger: anderen sonst denkbaren Wege geschehen könnte? Warum soll für immer nur Handlanger bleiben, wer das Zeug besitzt, selbständiger Meister zu sein? Nicht so sehr andere bessern und bekehren wollen, als vielmehr zuerst und auf alle Fälle hin selbst tun, selbst verwirklichen, vormachen — dahin geht auch die eigentliche Meinung des historischen, des biblischen wie des talmudischen Judentums. Daß die Wirkung auf andere alsdann nicht ausbleiben wird, ist dabei eine Hoffnung, ein Wunsch, deren einstige Erfüllung oder Nichterfüllung jedoch das Werk der Selbstvollendung, der Selbstentfaltung, das Selbsttun, nicht beeinträchtigen darf und kann. „Sie sollen sich nach dir umwenden, du aber sollst dich nicht nach ihnen umwenden!"1) So gelangen wir zu einer neuen Sinngebung des Judentums, zu seiner Bestimmung als E i g e n w e r t. 2. Wiederum sollen innerhalb dieser zweiten Hauptgruppe nur zwei Richtungen eingehender behandelt werden, die als die wichtigsten und am meisten ernst zu nehmenden erscheinen. Die erste der beiden Richtungen heisse reines National j udentum. Die Judenheit ist eine Nation. Einerlei ob die Juden „reinrassig" sind oder nicht, bilden sie jedenfalls nicht nur eine Religionsgesellschaft, eine Kirchengemeinschaft, vergleichbar etwa den Christen. In Wirklichkeit wie im Bewußtsein der ganzen außerjüdischen Welt ist die Judenheit von anderer Art. Nach dem Verluste ihres, mit kurzer Unterbrechung ungefähr elf Jahrhunderte währenden Staatstums auf dem Boden der Heimat erhielt sich die jüdische Nation, indem sie sämtliche sonstigen Formen und Inhalte ihres bisherigen Volksdaseins, soweit es irgend anging, treu bewahrte und teilweise weiter entwickelte, ihre nationalen Erinnerungen und Hoffnungen sorgsam pflegte, ihre Geschichtsgemeinschaft fortsetzte und dauernd fortzusetzen den stärksten Willen hatte. Dies alles geschah freilich, je später desto mehr, sub specie religionis, in kontinuierlicher Fortführung des schon während des zweiten Reiches herrschenden Zustandes. Vielleicht paßt daher für die Judenheit, wie sie in den letzten zwei Jahrtausenden existiert, nicht genau der Name einer Nation, so wenig andererseits ihr Wesen durch den Begriff der Religion erschöpft wird. Sie ist beides mit einem Male. Heute gilt es jedoch, eine reinliche Scheidung der verschiedenen Elemente des Judentums vorzunehmen. Um kurze Schlagworte zu gebrauchen, kann man sie in religiöse und weltliche einteilen. Nun ist die Stellung zu den religiösen Bestandteilen des Judentums, die weltanschaulichen eingeschlossen, als Gesinnungsangelegenheit Privatsache, d. h. private, persönliche Gewissenssache des einzelnen Juden wie eines jeden modernen Menschen. Ein Gewissenszwang religiöser, philosophischer oder sonstiger Natur wird vom modernen Bewußtsein unbedingt abgelehnt. Anders verhält es sich aber mit den weltlichen Bestandteilen des Judentums, die man auch die rein nationalen nennen kann. Die x) (Jer. 15, 19). Vergl. zum Ganzen die grundlegenden Ausführungen Achad Haaras, AI Paraschath Derakhim III, S. 71 ff. (Am Scheidewege.)

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