Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 5 · p. 275

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 5
Article
Die Frage nach dem Sinn des Judentums
Date
1923-01-01
Page
275 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101195-3108112--6047-3108153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Frage nach dem Sinn des Judentums 275 einheitlich die Gesamtmenschheit umfassende, geradlinig fortlaufende Kulturentwicklung. Zu jeder Zeit bilden verschiedene Völker die Träger verschiedener, gegeneinander merkbar abgegrenzter Kulturformen mit eigenem Entwicklungsgang, was für diese selbe Zeit die Vorherrschaft eines bestimmten allgemeinen Kulturtyps, als dessen Sonderformen jene einzelnen Volkskulturen erscheinen, keineswegs ausschließt. Gegenseitige und aus früheren Kulturkreisen hereinspielende Einflüsse machen sich ' dabei wohl überall geltend, aber so, daß trotzdem jedes einzelne Kulturvolk für seinen ganzen Entwicklungsgang mindestens seinen eigentümlichen kulturellen Grundzug, sozusagen seine spezifische kulturelle Klangfarbe, beibehält. Wenn nun das Judentum die verschiedenen Kulturformen einer gegebenen Zeit durch die besonderen jüdischen Stammeseigentümlichkeiten, Religionsideen usw. beeinflußt, so wird dadurch nicht eine Verschmelzung, eine Vereinheitlichung der verschiedenen Kulturformen Zustandekommen, sondern es handelt sich bestenfalls lediglich um eine einheitliche, gleichartige Befruchtung, die allerorten andere Wirkungen hervorruft. Jedes Kulturvolk wird die auf es einwirkenden Einflüsse des Judentums in seiner besonderen, durch die eigene Anlage, Geschichte, Kulturtradition, Wirtschaftsform und sonstige Faktoren bedingten Weise verarbeiten und fruchtbar machen, jede einzelne Kulturform wird das Judentum, kurz gesagt, sich und ihrer gegebenen Eigenart jeweilen besonders assimilieren. Der Sinn des Judentums käme mithin letzten Endes hinaus auf einen gewissen Beitrag oder auf den Versuch eines gewissen Beitrags zur allgemeinen Hebung des kulturellen, hauptsächlich des sittlichen Gesamtniveaus der veschiedenen und in ihrer Verschiedenartigkeit beharrenden Kulturvölker. Ohne Zweifel verdiente eine solche Leistung und schon der ernsthafte Versuch dazu volle Anerkennung. Wir müssen jedoch fragen: wäre es nicht noch besser, noch wertvoller, wenn das Judentum durch seine eigenen Träger, wenn die Judenheit selbst die jüdischen Sittlichkeitstendenzen und Religionsideen zur vollen Entfaltung, Entwicklung und praktischen Auswirkung nach allen Richtungen hin bis zu den äußersten Grenzen des Möglichen anstrebte? Wäre es nicht wertvoller und näherliegend, daß die Judenheit, statt verschiedenen Völkern zu einem gewissen Kulturfortschritt mitbehilflich zu sein, lieber selbst auf dem Grunde ihrer inneren Wesenstendenzen und ursprünglichen Ideen eine eigene Vollkultür entwickelte, ihre „Entelechie", um es so auszudrücken, zu erreichen suchte? Daß die jüdische Gemeinschaft ein selbständiges Kulturvplk bildete, zunächst einmal aus sich selbst jenen höheren ethischen Menschheitstypus verwirklichend gestaltete, zu demnach den Wirkungswertauffassungen des Judentums der jüdische Genius die ganze Menschheit erheben soll? Würde nicht gerade durch ein solches eigenes Tun, durch das ernste Streben nach Erhöhung des Menschheitstypus bei der eigenen Menschengruppe, ein lebendiges Beispiel gegeben, das direkt und indirekt die entsprechende Entwicklung der anderen Menschengruppen, der anderen Kulturvölker, viel stärker beeinflussen müßte als dies auf irgend einem 18*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.